Namensstreit in Dransfeld: Proskauer-Straße statt Sohnrey-Straße?

Lohstraße: Etliche jüdische Familien fanden dort Unterkunft. Archivfoto:  Stegemann

Hann. Münden/Dransfeld. Warum man die Heinrich-Sohnrey-Straße in Dransfeld nicht lieber in Erwin-Proskauer-Straße umbenenne, fragte Ulrich Maschke in der Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Umwelt in Dransfeld am Montag.

Heinrich Sohnrey, der mindestens eine Zeitlang auf Linie der Nazis war, solle man nicht noch mit einem Straßennamen ehren. Dann wäre es doch besser, mit dem Namen an ein Opfer statt an einen Täter zu erinnern. Der Jude Erwin Proskauer wurde am frühen Morgen des 3. Oktober 1939 von Nationalsozialisten ermordet. Über die Sohnrey-Straße denke man noch nach, hieß es aus dem Ausschuss. Dazu schrieben Stefan Schäfer und Sarah Schnieder zum Jahrestag der Bluttat in der Mündener Allgemeinen:

Anlässlich der 75-jährigen Wiederkehr des Ereignisses sind die Tatumstände näher zu beleuchten. Eine Mahnung aus der Vergangenheit und hoffentlich eine Lehre für die Zukunft, dass Gewalt keinen Platz in unserer Gesellschaft haben darf.

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Die Familie Proskauer lebte seit 1870 in Münden. Salo Proskauer gründete einen Produkten- und Altwarenhandel, seine Söhne betrieben dieses Geschäft erfolgreich weiter. Erwin, Jahrgang 1910, in Dransfeld geboren, gehörte der dritten Generation dieser Familie an. Er lebte von 1932 bis 1938 in Dransfeld. Die Boykottbemühungen der Nationalsozialisten erschwerten die Aufrechterhaltung des Betriebes außerordentlich, sodass die Familie Zug um Zug ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage verlor. Am 28. August 1939 verkaufte man das Hauseigentum „Hinter der Stadtmauer 16 und 18“ für 7680 Reichsmark. Man musste Obdach im Haus „Lohstraße 15“ nehmen. Mehrere noch in Münden ausharrende, jüdische Familien fanden dort Unterkunft, da auf dem „freien Wohnungsmarkt“ für Juden keine Angebote vorhanden waren.

Mit Beginn des 2. Weltkriegs verringerte sich die Chance auf Auswanderung dramatisch. Nach Münden wurden zahlreiche Menschen aus dem erwarteten Kampfgebiet gegen Frankreich, dem Saarland, evakuiert. Aus Völklingen kamen der 30-jährige Ernst Schneider und der 29-jährige Erich Knoblauch.

Die beiden Männer trafen am 2. Oktober 1939 in einer Kneipe Fritz Wohlkopf, 46 Jahre alt. Seit 1934 in städtischem Dienst stehend, war er bereits am 1. März 1930 in die SA und NSDAP eingetreten und nun für die Einquartierung der Saar-Evakuierten in Münden zuständig. Erwin Weber, 26, war Parteifunktionär und ebenfalls in der Gaststätte. Bei einem Wechsel in das Lokal „Zum Weißen Ross“ traf man den 34-jährigen Karl Herborg, dem zunächst Nähe zur KPD nachgesagt wurde, der aber ab 1933 als SA-Mitglied und ab 1937 als Mitglied der NSDAP auftrat.

Nach einigen Bieren kam das Gespräch auf die Verbrechen an der deutschstämmigen Bevölkerung in Polen. Die mutmaßliche Beteiligung von Juden an jenen Aktionen ließ die Unterhaltung in der Gaststätte immer hitziger werden, was schlussendlich in einer fatalen Idee gipfelte: man solle dem Proskauer einen Besuch abstatten um, wie Wohlkopf es ausdrückte, ihn „zum Zigaretten holen nach Wilhelmshaven zu schicken“.

Die Tat: Proskauers seien bei der Reichspogromnacht viel zu gut weggekommen, so die Meinung der fünf betrunkenen und gewaltbereiten Nationalsozialisten. Nach Mitternacht drangen sie in die im 2. Obergeschoss befindliche Wohnung der Proskauers gewaltsam ein. Man zerstörte Einrichtung und Mobiliar und forderte Erwin Proskauer mit den Worten „Jungchen, deine letzte Stunde hat jetzt geschlagen“ auf, mitzukommen.

Auf dessen Einwand, man könne ihn doch auch hier erschießen, erwiderte Wohlkopf: „Eine Kugel ist für dich zu schade, wir wollen dich lieber ins Wasser werfen.“ Proskauer wurde die Treppe des Hauses hinuntergestoßen und unterhalb des Wehres an die Werra gedrängt, in die er in seiner Not sprang. Mit Ausnahme von Herborg zogen die anderen vier befriedigt von dannen. Herborg sah, dass es Proskauer gelang, im Bereich der Schlagdspitze die einstigen Treppenanlagen der Schlagdmauer zu erklimmen. Dessen ungeachtet verließ er kurze Zeit später den Ort des Geschehens.

Bei der Suche nach ihrem Komplizen kehrten die vier Mittäter zurück und entdeckten Proskauer. Wieder in die Enge getrieben, stürzte er wieder ins Wasser und ertrank im Alter von 29 Jahren. Unklar ist hierbei, ob Erwin Proskauer, um vor seinen Peinigern zu flüchten, erneut in die Werra sprang, ob er hinein fiel oder ob er gar gestoßen wurde. Seinen Leichnam fand man am 19. Oktober 1939 bei Gewissenruh.

Ein Sondergericht beim Landgericht in Hannover verhängte am 22. Juli 1940 ein Urteil wegen Totschlags beziehungsweise gefährlicher Körperverletzung und Raufhandel. Wohlkopf wurde zu vier, Weber zu drei, Schneider und Knoblauch zu je zwei und Herborg zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Jedoch entließ man die Täter frühzeitig aus der Haft: Herborg bereits am 31. August 1940, am 23/24. Dezember 1940 Schneider und Knoblauch und schließlich, aufgrund einer Amnestie zu des „Führers“ Geburtstag, am 20. April 1941 auch Weber und Wohlkopf.

Das Urteil erfolgte vor dem Hintergrund, dass spontane, unorganisierte Gewaltaktionen Einzelner nicht akzeptiert wurden und somit, im Gegensatz zu den vom Staat angeordneten und organisierten Verbrechen, geahndet werden mussten.

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