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Qualzucht in der Region: Immer mehr Katzen mit schwerem Gendefekt

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Von: Kim Henneking

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Katze Nimue leidet unter vielen Krankheiten. Besitzern Kirsten Scheffel versucht, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten.
Katze Nimue leidet unter vielen Krankheiten. Besitzern Kirsten Scheffel versucht, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. © Kirsten Scheffel

Im Altkreis Münden treten immer häufiger Fälle von Katzen mit Gendefekt auf. Die Tiere leiden unter einer verminderten Knorpelbildung. Sie haben oftmals starke Schmerzen und sterben schon früh. Tierärzte in der Region verzeichnen teilweise ein vermehrtes Aufkommen der betroffenen Rasse Scottish-Fold.

Altkreis Münden – Als sie die zwei neugeborenen Katzenbabys Nala und Nimue gesehen hat, war für die Hann. Mündenerin Kirsten Scheffel klar: Das sind ihre Katzen. Leider fiel nur wenige Wochen nach der Geburt auf, dass es sich bei den süßen Tieren nicht nur um Europäische Kurzhaarkatzen handelt, wie es ihre Mutter ist. Die jungen Tiere stammen auch von einer Scottish-Fold-Katze ab, eine Rasse, die als Qualzucht gilt.

„Die Tierärztin hat mich direkt gewarnt“, berichtet Scheffel. Die Tiere würden früh krank, bräuchten teure tierärztliche Behandlungen und hätten eine kurze Lebenserwartung. „Ich habe mir die Entscheidung schwer gemacht. Aber ich habe sie dann trotzdem genommen und auf das Beste gehofft.“ Leider hätten ihre jungen Katzen schon in ihrem ersten Lebensjahr rassetypische Erkrankungen gezeigt: schwere Gelenksarthrose und Herzerkrankungen.

In Online-Foren tausche sie sich mit anderen Katzenbesitzern aus und habe so erfahren, dass mehrere Menschen im Raum Hann. Münden meist unfreiwillig an die kranken Tiere geraten sind, die unter falschen Bezeichnungen angeboten werden. Ihre eigenen Katzen habe sie bei einer Katzenhilfsorganisation in Kassel erhalten und erfahren, dass sie aus dem Raum Hann. Münden stammen. Scheffel befürchtet nun, dass in der Region Scottish-Fold-Katzen gezüchtet werden und möchte über das Leid der Tiere mit den vermeintlich süßen Knickohren aufklären. Dafür dokumentiert sie das Leben ihrer Katzen auf einer Facebook-Seite.

Auch Tierärzte und Tierschutzbund bemerken erhöhtes Aufkommen

Auch der Tierschutzverein Hann. Münden hat im vergangenen Jahr eine ausgesetzte Scottish-Fold bei Hann. Münden entdeckt, wie die erste Vorsitzende Nicole Herthum berichtet. Auch dieses Tier litt unter rassetypischen Krankheiten und ist bei einem Vereinsmitglied untergekommen, weil die kranken Tiere schwer zu vermitteln sind. Die Hann. Mündener Kleintierärztin Kerstin Bensch beobachtet nach eigenen Angaben eine Zunahme dieser Rassekatzen in ihrem Patientenstamm.

Bis vor etwa vier Jahren habe sie keine Scottish-Fold behandelt, nun seien es zehn. „Sie werden oft als Britisch-Kurzhaar verkauft oder kommen über den Tierschutz. Für den Laien ist es schwer zu erkennen, was für eine Katze sie sich da zulegen.“ Deshalb verweist sie auf die Online-Datenbank Quen, die über Merkmale informiert.

Ein Gendefekt sorge für eine verminderte Knorpelbildung, der die Ohren abknicken lässt. Leider wirke sich das aber auf sämtliche Knorpel im Körper aus, wodurch sich die Gelenke der Tiere fehlbilden und früh schwere Arthrosen entwickeln. „Das kann man gar nicht behandeln. Man gibt Schmerzmittel, bis es nicht mehr geht und dann bleibt nur noch die Erlösung“, sagt Bensch. Die meisten Scottish-Fold müssten im Alter von zwei bis drei Jahren eingeschläfert werden. „Das ist auch für die Besitzer eine Katastrophe, denn die gehen davon aus, dass sie die Katze bis zu 15 Jahre lang bei sich haben.“

Auch bestimmte Hunderassen betroffen

Auch der Hann. Mündener Tierarzt Sven Düvel behandelt derzeit fünf Scottish-Fold-Katzen. Allerdings sei das in seiner Praxis keine neue Entwicklung und trete nicht häufig auf.

Er weist auch auf Hunderassen wie den Mops oder die Französische Bulldogge hin, die aufgrund ihrer kurzen Nasen Atemprobleme haben, die teils chirurgisch behandelt werden müssen. „Prinzipiell kann es zur Vermeidung von Qualzucht nur durch ein politisches Verbot oder durch fehlende Nachfrage kommen. So lange es Menschen gibt, die diese Rassen kaufen, wird es auch Vermehrer geben, die die Tiere anbieten“, sagt Düvel. Weder der Polizei Göttingen noch dem Veterinäramt ist nach eigenen Angaben eine solche Zucht in der Region bekannt.

Qualzuchtmerkmale beim Veterinäramt melden

Das Veterinäramt bittet jedoch darum, in Kenntnis gesetzt zu werden, wenn eine Zucht mit Qualzuchtmerkmalen auffällt, denn diese sind laut Tierschutzgesetz verboten.

Weitere Infos: Wie die Katzen von Kirsten Scheffel mit ihren Erbkrankheiten leben, kann online verfolgt werden auf facebook.com/nimuenala. Informationen über Qualzucht-Merkmale gibt es unter qualzucht-datenbank.eu

20 Jahre Tierschutz im Grundgesetz

Seit 20 Jahren ist der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz verankert. Seit 50 Jahren gibt es ein Tierschutzgesetz in Deutschland. Der Deutsche Tierschutzbund sieht weiterhin „grundlegende Missstände“ in allen Bereichen, in denen Menschen mit Tieren Kontakt haben und fordert eine Überarbeitung der Gesetzeslage. Anlässlich dieses Jubiläums blickt auch der Tierschutzverein Hann. Münden auf die Erfahrungen der bisherigen Arbeit zurück.

„Allgemein lässt sich sagen, dass das Thema Tierschutz einen besseren Stellenwert in der Gesellschaft erreicht hat“, resümiert die erste Vorsitzende Nicole Herthum. „Die Leute gucken nicht mehr so schnell weg, wenn es einem Tier nicht gut geht, sei es im privaten, wie im Nutztierbereich.“

Leider seien Tierheime weiterhin überfüllt mit Tieren, die unbedacht gekauft wurden, krank sind, ihre Halter überfordern oder die nicht mehr zur veränderten Lebenssituation der Menschen passen. „Für viele muss ein Tier funktionieren wie ein technischer Gegenstand. Dass ein Tier viel Aufmerksamkeit, Zeit, Pflege und vor allem Geld kostet, ist vielen zu Beginn nicht klar.“ Im besten Fall landeten die Tiere dann beim Tierschutz, doch leider würden viele ausgesetzt werden.

Identifikationspflicht könnte helfen

Auch in Hann. Münden werden immer wieder ausgesetzte Tiere gefunden. Hier könnte eine Identifikationspflicht per Chip oder Ausweis helfen. Die wachsende Population an Katzen sei leider in vielen Gemeinden der Region ein Thema. Für Hann. Münden fordert der Verein deshalb eine Katzenschutzverordnung, wie es sie bereits in Staufenberg gibt. „Eine Chip- und Registrierungspflicht für alle Katzen und eine Kastrationspflicht für die Freigänger kann nur die einzige Lösung sein. Hier müssen Politik, Kommunen, Vereine und Tierärzte an einem Strang ziehen.“

Auch würden weiterhin Tiere aus Kofferräumen und über „dubiose Anzeigen“ im Internet gekauft, meist weil sie dort günstig zu erwerben sind. „Jedem seriösen Verkäufer liegt das Wohl des Tieres am Herzen und wird mit Bedacht und Geduld ein neues Zuhause suchen“, sagt Herthum und fordert dazu auf, solche Angebote beim Veterinäramt anzuzeigen.

Zum Wohl der Tiere seien mehr Auflagen und Kontrollen bei Züchtern wünschenswert. Und letztlich sei auch die Betreuung von Wildtieren problematisch, die oft von Ehrenamtlichen auf eigene Kosten übernommen werde – der Verein versorgt mehrere scheue Streuner mit Futter. Auch für solche Aufgaben fehle eine staatliche Unterstützung.

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