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Raum Hann. Münden: Rollstuhlfahrer finden in vollen Bahnen kaum noch Plätze

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Von: Amir Selim

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Auch unabhängig vom 9-Euro-Ticket haben Menschen mit Behinderung oftmals Probleme bei der Nutzung des ÖPNV.
Auch unabhängig vom 9-Euro-Ticket haben Menschen mit Behinderung oftmals Probleme bei der Nutzung des ÖPNV. © Marijan Murat/DPA

Volle Busse und Bahnen: Ein Resultat des 9-Euro-Tickets. Für Menschen mit Behidnerung gibt es dadurch noch mehr Probleme im ÖPNV. Wir haben uns im Raum hann. Münden umgehört.

Hann. Münden – Das 9-Euro-Ticket ist seit fast einem Monat gültig. Volle Busse und Bahnen sind gerade zu Stoßzeiten und am Wochenende die Regel. Davon stark beeinträchtigt sind Menschen mit Behinderung. Es seien Beschwerden aus ganz Deutschland eingegangen, sagt Klaus Heidrich. Er ist Geschäftsführender Vorstand beim Allgemeinen Behindertenverband in Deutschland (ABiD).

Raum Hann. Münden: Volle Busse und Bahnen durch 9-Euro-Ticket

„Der Anstand und die Zuvorkommenheit der Menschen hat bedeutend nachgelassen“, sagt Heidrich. Das Ich-Denken stehe beim Reisen mit dem 9-Euro-Ticket im Vordergrund. Rollstuhlfahrer seien beispielsweise nicht mitgenommen worden, weil die für sie vorgesehenen Flächen besetzt waren. Das gelte auch für Sitzplätze, die für Menschen mit Behinderung gedacht sind. „Obwohl die Plätze ausgewiesen waren, wurden sie nicht geräumt“, berichtet Heidrich. Deshalb würden einige auf das Auto umsteigen. Es sei zudem der Eindruck entstanden, dass zum Beispiel Radfahrer Vorrang haben.

Es gebe derzeit insgesamt eine angespannte Situation beim Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), sagt Gerd Aschoff, Vorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn Südniedersachsen. „Ich schließe daraus, dass das 9-Euro-Ticket von vornherein nicht durchdacht wurde“, sagt er. Zwar sei das Ganze ein interessanter Feldversuch. Es zeige jedoch ein generelles Problem, „dass der (ÖPNV) deutlich ausgebaut werden muss“, sagt Aschoff. Die vollen Busse und Bahnen würden neben Rollstuhlfahrern auch Reisende mit Kinderwagen und Fahrrädern betreffen, erklärt Aschoff.

Beim Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV) werbe man deshalb bei allen Fahrgästen um gegenseitige Rücksichtnahme, teilt Judith Féaux de Lacroix, stellvertretende Pressesprecherin des NVV, mit.

Zudem habe der NVV vor dem langen Fronleichnam-Wochenende Reisende dazu aufgefordert, Fahrräder bei hoher Auslastung und auf stark nachgefragten Linien nicht mitzunehmen. Konkrete Probleme gebe es beim NVV derzeit aber nicht. „Wir haben keine Zunahme der Beschwerden festgestellt“, heißt es

Probleme für Menschen mit Behidnerung im ÖPNV

Volle Busse und Bahnen durch das 9-Euro-Ticket machen Menschen mit Behinderung das Leben schwer. Aber es gibt auch grundsätzliche Probleme im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV).

Kai Christian Pavel, Behindertenbeauftragter in Hann. Münden: „Kritik gibt’s immer“, sagt Kai Christian Pavel. Er ist der Behindertenbeauftragte der Stadt Hann. Münden. Darunter grundsätzliche Probleme wie erschwerte Einstiegsmöglichkeiten, die sich zum Beispiel aus Bahnsteigen oder Bushaltestellen ergeben, die nicht die richtige Höhe haben.

Schwierig ist es auch immer für Menschen, die Elektrorollstühle, auch E-Scooter genannt, nutzen. Aufgrund ihrer Größe und des Gewichts könnten sie gerade in Bussen nicht immer mitgenommen werden. Gerade bei den Bussen seien Menschen mit Behinderung auf die Fahrer angewiesen. „Es kommt sehr auf den Busfahrer an“, sagt Pavel. „Im Normalfall helfen sie schon.“ Es gebe aber auch welche, die länger bräuchten und grummelig seien.

Allgemeiner Behindertenverband in Deutschland (ABiD): Klaus Heidrich, geschäftsführender Vorstand beim ABiD fordert generell eine bessere Ausstattung der Bahnhöfe, Stichwort Barrierefreiheit.

Gerade beim Einstieg in den Zug müsste nachgebessert werden. Problematisch sei es auch, wenn Waggons der Bahn älter seien oder in ihnen zum Beispiel die Behindertentoiletten nicht funktionieren. „Manchmal fahre ich mit Waggons, die das letzte Jahrhundert erlebt haben“, sagt Heidrich.

Eine Verbesserung sei auch mit Hinblick auf die Klimakatastrophe notwendig, so Heidrich. „Wir müssen die Bahn so stärken, dass die Fahrzeuge funktionieren.“ Deshalb mache er sich auch über das 9-Euro-Ticket hinaus sorgen über Vergünstigungen bei der Bahn wie Vorschläge, dauerhaft zu einem 29-Euro-Ticket oder den teilweise schon vorhandenen 365 Euro-Jahrestickets. „Die Bahn ist nicht darauf vorbereitet.“

Nachbesserungsbedarf wird gesehen

Nordhessischer Verkehrsverbund (NVV): Beim Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV) erhalte man vereinzelt Rückmeldung von Fahrgästen mit Behinderung über Schwierigkeiten bei der Nutzung des ÖPNV, teilte der NVV mit. Die Sachverhalte decken sich dabei mit den von Pavel und Heidrich genannte Dingen: „Themen sind hier beispielsweise der fehlende Zugang zu Bahnsteigen, wenn Aufzüge defekt sind, Schwierigkeiten bei der Mitnahme von Elektrorollstühlen wegen zu hohen Gewichts oder in einzelnen Fällen die fehlende Wahrnehmung durch Busfahrer, wenn Fahrgäste mit Rollstuhl einsteigen möchten“, teilt Judith Féaux de Lacroix, stellvertretende Pressesprecherin des NVV.

Dennoch werde in den barrierefreien Ausbau von Haltestellen seit vielen Jahren investiert. Ziel sei es, in jeder nordhessischen Kommune mindestens eine barrierefreie Haltestelle anbieten zu können. Auch bei Bahnhöfen ist der barrierefreie Ausbau vorgesehen.

Bei den Zügen „fahren fast ausschließlich Triebwagen, die an vielen modernisierten Bahnsteigen einen ebenerdigen Einstieg bieten und auch sonst mit Klapprampen für schwere E-Rollstühle befahrbar sind“, heißt es weiter. Selbiges gelte für die meisten Busse vom NVV. Fast alle Fahrzeuge sollen bis 2027 mit mehr Komfort ausgestattet werden. Dazu zählen „barrierefreie Details, wie z. B. Haltewunschknöpfe, Anforderungstaster und moderne, optisch auffällige Türsysteme“. Nichtsdestotrotz sehe man auch beim NVV noch an Verbesserungsbedarf an vielen Stellen. „Es muss sich in Sachen Barrierefreiheit noch einiges tun, nicht nur, aber auch bei Bus und Bahn.“ (Amir Selim)

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