Reinhardshagen

Vergeblich ärztlichen Bereitschaftsdienst angerufen - und keiner kommt: „Wir dürfen nicht helfen“

Günter Hagemann hat versucht, über die 116 117 ärztliche Hilfe zu bekommen. Das schlug fehl.
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Günter Hagemann hat versucht, über die 116 117 ärztliche Hilfe zu bekommen. Das schlug fehl.

Ein Mann aus dem Kreis Kassel will Hilfe für seine kranke Frau rufen. Er reagiert sofort und ruft den ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) an – aber keiner kommt.

Reinhardshagen – Es ist Samstagmorgen. Günter Hagemann pflegt zuhause seine schwerkranke Frau Brunhilde. Dass es ihr nicht gut geht, kennen die Hagemanns. Heute fühlt sie sich aber besonders schlecht. Sie hat keinen Appetit, kann nur schwer reden – aber ein Wort sagt sie: „Arzt.“ Günter Hagemann reagiert sofort und ruft den ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) an – aber keiner kommt.

Mann aus Kreis Kassel ruft Hilfe: Bereitschaftsdienst für Hessen nicht zuständig

Weil der 77-jährige Hagemann über die bundesweit einheitliche 116 117 niemanden erreichte, rief er besorgt die 112 an, die ihn mit der hessischen Vermittlungsstelle des ÄBD verband. Dort hörte der in Reinhardshagen wohnende Rentner, man sei bei dieser – der hessischen – Stelle nicht zuständig. „Aber ich wohne doch in Hessen, habe ich gesagt“, erzählt Hagemann. Er solle es mit seiner Ortsvorwahl vor der 116117 probieren. „Aber wir dürfen Ihnen nicht helfen“, habe die Dame am Telefon gesagt.

Mit der Vorwahl kam er schließlich bei der richtigen Vermittlungsstelle an. „Die Dame dort sagte, sie würde mein Anliegen als wirklich dringend markieren, aber ich bekam ewig keine Rückmeldung mehr“, erzählt Hagemann weiter. Hilfe erhielt der 77-Jährige letztlich von der 112, die er nach vergeblichem Warten erneut anrief.

Kreis Kassel: Mann und kranke Frau warten zwei Stunden auf Hilfe

Vom ersten Versuch, den ÄBD zu erreichen, bis zu der Rückmeldung der zuständigen Stelle, dass ein Arzt gefunden sei, vergingen knapp zwei Stunden. „Eine zweistündige Wartezeit ist natürlich nicht tolerabel“, erklärt Detlef Haffke, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Niedersachsen, die den ÄBD in Reinhardshagen mit übernimmt.

„Das hat geografische Gründe“, erklärt er, „da haben wir uns mit dem KV Hessen zusammengesetzt und einen Vertrag geschlossen.“ Er rät in einem solchen oder ähnlichen Fall, schriftlich Beschwerde bei der KV einzureichen, damit diese das Problem beheben kann.

Kreis Kassel: Grund für lange Wartezeit sei Outsourcing

Warum die Wartezeit bei Günter Hagemann so lang war, erklärt Haffke mit dem Outsourcing der telefonischen Vermittlung an das Duisburger Unternehmen Sanvartis. Das habe erst kurz vorher diese Aufgabe übernommen und zu diesem Zeitpunkt noch nicht über entsprechend aufbereitetes Kartenmaterial der mit zu versorgenden Grenzregionen verfügt. Das erschwerte sowohl die Ortung des Patienten als auch die Zuteilung eines Arztes.

„Man muss auch abwägen, wofür der hausärztliche Bereitschaftsdienst zuständig ist“, sagt Haffke. „Bei einem Notfall ist immer die 112 der richtige Ansprechpartner. Sollte sich aber erst bei der Befragung der Vermittlungsstelle herausstellen, dass der Anrufer ein Fall für die 112 ist, werden die Rettungskräfte auch von dort aus alarmiert“, erklärt der Pressesprecher. Geholfen werden müsse in jedem Fall, wenigstens mit der Weiterleitung an die zuständige Stelle.

Das Problem war fehlende Transparenz

Dass die hessische Stelle Günter Hagemann nicht helfen dürfe, sei daher „vielleicht eine unglückliche Formulierung“ gewesen, sagt Pressesprecher Karl-Matthias Roth von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, aber man habe sich lediglich an die in Verträgen festgelegten Zuständigkeiten gehalten. Das Problem war fehlende Transparenz.

Für Günter Hagemann ist das enttäuschend gewesen. „Fernsehen, Radio, es lief überall, dass man die 116 117 anrufen soll und dann das“, sagt er. „Ich habe es nicht verstanden und werde es nicht verstehen.“ (Sarah Schnieder)

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