„Damals in Münden“

Schreckgespenst Kinderlähmung: Wie die Krankheit durch Impfungen bekämpft wurde

Fell als Krankheitsauslöser: Karl Schäfer, damals 13 Monate alt, 1922 auf dem Fell sitzend. Niemand ahnte, wie folgenreich der der Fototermin werden würde.
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Fell als Krankheitsauslöser: Karl Schäfer, damals 13 Monate alt, 1922 auf dem Fell sitzend. Niemand ahnte, wie folgenreich der der Fototermin werden würde.

Die Virus-Erkrankung Kinderlähmung machte 1922 auch vor Hann. Münden keinen Stopp. Einige Kinder erkrankten, andere starben sogar. Doch dann kam der Impfstoff.

Hann. Münden – September 1922. Der Mündener Fotograf Niels Spicker gab bekannt, dass in der Gimter Gaststätte „Zum Anker“ Portraitfotos angefertigt werden können. Hintergrundleinwände und Staffage brachte er mit. Die ganz Kleinen wurden auf ein Schafsfell gesetzt. „Bitte recht freundlich!“ Nach gut einer Woche wurde „Karlchen“, der dreizehn Monate alte Spross von Konrad und Marie Schäfer krank, fieberte, erbrach sich, litt an Durchfall und wurde immer lethargischer, der Arzt wurde stutzig, mehrere Fälle in Gimte. Sie waren alle beim Fotografen.

Dieser teilte mit, dass er ein krankes Kind auf Wunsch seiner Eltern fotografiert hatte, das auf dem Fell saß und dann weitere. Dieses Kind starb, Karl überlebte. Diagnose: Kinderlähmung. Die rechtsseitige Lähmung ging etwas zurück, blieb jedoch oberschenkelabwärts im rechten Bein bestehen. Jakob, ein weiteres erkranktes Kind erlitt Hirnschäden. Als Heranwachsender in der NS-Zeit auf Anraten der Ärzte „zur Kur geschickt“, wurde er ein Opfer der Euthanasie.

Schwere Folgen: Fehlstellungen und Verschleiß

Karls rechtes Bein blieb gelähmt und wuchs nur bedingt mit. Eine Orthese musste er lebenslang tragen. Sein Leben verlief vergleichsweise glücklich. Er ergriff den Beruf des Schneiders, heiratete, wurde Vater von vier Kindern. Im hohen Alter machten sich Fehlstellungen und Verschleiß der Gelenke bemerkbar, er wurde 84 Jahre alt.

Poliomyelitis ist eine Viruserkrankung, die als Schmier- und Tröpfcheninfektion übertragen wird, an der, wie der deutsche Name sagt, vor allem Kinder erkranken. Zurück bleiben irreparable Nervenschäden. Die Krankheit trat epidemisch vor allem im Spätsommer und Herbst auf.

Ab 1928 stieg die Überlebenschance bei Befall der Atemorgane durch den Einsatz der „Eisernen Lunge“, des ersten künstlichen Beatmungsgerätes. 1952 verbreitete die Krankheit in Deutschland den größten Schrecken, 9.750 diagnostizierte Erkrankungen, 778 Todesfälle. Franklin D. Roosevelt (1882-1945) war der prominenteste, der an Kinderlähmung 1921 erkrankte.

Apell an die Impfbereitschaft: Impfaufruf im November 1970 in den Mündenschen Nachrichten.

1936 wurde er US-Amerikanischer Präsident. Weltweit wurde an der Forschung und Bekämpfung des Virus gearbeitet. 1955 ein „Totimpfstoff“ und 1960 ein „Lebend-Impfstoff“ entwickelt, der als Schluckimpfung den Kindern im frühesten Lebensalter verabreicht wurde. Die Erfolge waren durchschlagend. 1960 wurden 126 Fälle diagnostiziert. Ab 1961 nie mehr als fünf Fälle jährlich. Seit 1990 sind keine Fälle mehr Deutschland bekannt geworden. Einige Fälle sind in Afrika und in Afghanistan und Pakistan seitdem gemeldet worden.

Wie kam der Erfolg zustande? Jahrzehnte lange internationale Forschung, die auch vor dem „Eisernen Vorgang“ nicht Halt machte. Vor allem aber die Arbeit des in die USA emigrierten jüdischen Kinderarztes Albert Sabin (1906-1993), der als Entwickler der Schluckimpfung gilt.

Kinderlähmung: Impfkampagnen führten zum Erfolg

Eine breit angelegte Informationskampagne in allen Medien, fachlich begleitet Ärztinnen und Ärzten führten zum Erfolg. Mahnende Worte sprach die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung 1965 aus: „Impflücken, die wir nicht beizeiten schließen, ermöglichen es den Polioviren, sich bei uns wieder einzunisten. Ihr Schlupfwinkel ist der Körper ungeimpfter Säuglinge und Kleinkinder.

Damit taucht die Gefahr einer neuen Ausbreitung der folgenschweren Polioerkrankung mit ihren Lähmungen und Todesfällen auf. […] Jeder, der noch nicht geimpfte Kinder zu betreuen hat, sei sich der Pflicht bewußt, die ihm obliegt: er muß diese Kinder zur Schluckimpfung bringen!“ Das „Polio“ verbannt bleibt, ist Aufgabe der Wissenschaft, der Weltgesundheitsorganisation und liegt vor allem in der Verantwortung der Eltern für ihre Kinder. (Stefan Schäfer)

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