Sparvorschläge

Stadtarchiv: Fakten zum Wiederfinden

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Papiernes Gedächtnis der Stadt: Stefan Schäfer hier mit den ganze alten Folianten.

Hann. Münden. Laut Sparvorschlag für den städtischen Haushalt sollen Archiv, Bücherei und Museum mit der Hälfte Geld auskommen. Wir haben nachgefragt: Wie sind die Einrichtungen derzeit aufgestellt? Heute: Das Archiv.

„Eine Kommune muss ein Archiv führen und für die Nachwelt erhalten, was die Verwaltung macht“, beschreibt es Stadtarchivar Stefan Schäfer. Er ist mit einer 40-Stunden-Woche bei der Stadt angestellt, davon sind 30 Stunden für die Arbeit im Archiv vorgesehen - zehn Stunden sind für seine Arbeit im Personalrat. Einmal pro Woche kommt ein Ehrenamtlicher für zwei Stunden.

Seit kurzem arbeitet auch Sarah Schnieder im Stadtarchiv: Sie hat einen Sondervertrag, um die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt aufzuarbeiten und wird hauptsächlich von den drei Geschichtsvereinen in Hann. Münden bezahlt. Ihr Einsatz geht auf einen Ratsbeschluss zurück: Die Verstrickung des ehemaligen Mündener Heimatpflegers Dr. Karl Brethauer hatte vor drei Jahren aufgeschreckt, der Ehrenring der Stadt wurde Brethauer daraufhin entzogen.

Um künftig keine bösen Überraschungen dieser Art mehr zu erleben, erteilte der Rat der Verwaltung den Auftrag, Träger der Ehrenplakette und des Ehrenrings der Stadt genau zu prüfen.

Das Stadtarchiv als solches ist gesetzlich eine Pflichtaufgabe, keine freiwillige Leistung. „Die Leute haben ein Recht auf Auskunft über die Verwaltungsarbeit“, so Schäfer. So manch einer komme, um Erbschaftsangelegenheiten zu klären. Zum Beispiel werden im Archiv alte Standesamtsunterlagen aufbewahrt.

Aber auch Hobby-Heimatforscher oder Menschen, die an ihrer Familiengeschichte interessiert sind, nutzen das Archiv. Seit 2009 sind die Nutzerzahlen bis 2014 kontinuierlich gestiegen: Von damals 100 im Jahr auf 314 im vorigen Jahr.

Wenn Abschriften oder Kopien aus dem Archiv beglaubigt werden müssen, fällt dafür eine Gebühr an. Ansonsten hat das Archiv keine Einnahmen.

Archivarbeit ist nicht nur das sichere Aufbewahren alter Dokumente, es muss auch entschieden werden, was archivwürdig ist und was man nicht aufheben muss. Alle Dokumente müssen so verzeichnet werden, dass auch spätere Archivmitarbeiter oder Suchende die Beschreibung verstehen.

Denn die nach außen ordentlichsten Kartons nützen nichts, wenn man nicht weiß, was darin schlummert. Die knappe Beschriftung außen verrät oft nicht, welche Informationsschätze sich darin verbergen, die Erfahrung hat Schäfer bei der Durchsicht schon oft gemacht.

So müsse alles gesichtet, kurze Inhaltsangaben der Akten verfasst, und das Ganze ins Comptersystem eingetragen werden. Man könne nicht alles digital erfassen, so Schäfer, dafür fehle das Geld. Dabei müsste man genaugenommen sogar alle Akten nicht nur digitalisieren, sondern auch auf Mikrofilm ablichten, weil dieser 100 Jahre und länger hält.

Doch noch wird auch viel umgepackt: Reihenweise lagern alte Akten noch in Kartons, deren Material säurehaltig ist. Sie müssen in säurefreie Kartons.

Ein Schaden ist bereits irreparabel: Die Kartons waren damals zu klein gekauft worden, die Akten wurden kurzerhand beschnitten.

Die Dokumente im Stadtarchiv reichen bis ins Jahr 1600 zurück. Dabei eien die ganz alten Schriftstücke weniger problematisch als die jüngeren, sagt Archivar Stefan Schäfer: Die alten Materialien sind chemisch stabil, hochwertiges Papier wurde verwendet. Die Unterlagen aus dem 20. Jahrhundert hingegen, aus säurehaltigem Papier, machen die meiste Arbeit. Hier hilft der Ehrenamtliche.

Wenn es darum geht zu entscheiden, was dauerhaft archiviert wird und was nicht, sei hauptamtliches Personal gefragt. Zum Beispiel seien alte Akten der AOK weggeworfen worden. Darin hätte man alle so genannten Fremdarbeiter finden können. Heute sei die Frage nach Opferentschädigung ein gesellschaftlich relevantes Thema, aber im Archiv gibt es kein Material mehr dazu.

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