Landwirt Frank Heede und Prof. Maria Finckh

Streitgespräch: Glyphosat erregt die Gemüter

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Die Verpackung eines Unkrautvernichtungsmittels, das den Wirkstoff Glyphosat enthält.

Konventionelle Landwirte wollen auf Pflanzenschutzmittel nicht verzichten, der Naturschutz warnt vor den Folgen. Ein heikles Thema.

Frank Heede, konventioneller Landwirt aus Volkmarshausen, und Dr. Maria Finckh, Professorin für Ökologischen Pflanzenschutz in Witzenhausen, trafen sich in der HNA-Redaktion zu einem Streitgespräch mit den Redakteuren Axel Welch und Thomas Schlenz.

Herr Heede, Frau Prof. Finckh, was fällt Ihnen zu Glyphosat ein?

Frank Heede: Uns wird vorgeworfen, dass Glyphosat die Artenvielfalt zurückdrängt. Das ist falsch.

Maria Finckh: Glyphosat ist ein Antibiotikum, das durch seine Funktionen massiv Mikroorganismen beeinflusst. Es ist giftig für viele Insekten. Nicht für Honigbienen, aber für andere.

Glyphosat baut sich in Proteine ein und stellt eine Gefahr für Organismen dar, die es aufnehmen.

Heede: Der Weizen kann den Wirkstoff nicht aufnehmen. Es ist ein Totalherbizid, das die Pflanze abtöten würde. Wenn die Pflanzen es nicht aufnehmen können, kann keine Anreicherung stattfinden.

Finckh: Das stimmt so nicht. Die Pflanzen müssen es aufnehmen. Glyphosat ist ein systemisches Herbizid. Das heißt, alle durch Glyphosat abgetötete Pflanzen sind doch deshalb tot, weil sie Glyphosat aufgenommen haben. Ihre Aussage ist damit falsch. Die Zerstörung der Umwelt durch Glyphosat findet bei uns statt.

Wir atmen es ein, Glyphosat ist im Boden nachweisbar, im Oberflächenwasser. Wir haben sogar Hinweise, dass es in tiefe Bodenschichten gelangt. Ganz viele Privatleute setzen es ohne Kenntnisse ein.

Heede: Beim letzten Satz stimme ich Ihnen zu.

Warum sind Sie dann anderer Meinung als Frau Finckh?

Heede: Es wird uns vorgeworfen, dass Glyphosat über die Ernährung aufgenommen wird. Und man versucht, es bei uns abzuschaffen. In Amerika werden dagegen gentechnisch veränderte Sorten angebaut, die gegenüber Glyphosat resistent sind, zum Beispiel die Sojabohnen. Die landen bei uns auf dem Tisch. Gentechnisch verändert und mit Glyphosat verseucht. Die Belastung nähme nicht ab, wenn wir kein Glyphosat ausbrächten.

Prof. Dr. Maria Finckh

Sie stimmen zu, Frau Finckh?

Finckh: Der Import ist der größte Eintrag. Wir stellen zudem fest, dass wir betrogen wurden über die Eigenschaften von Glyphosat.

Heede: Das ist uninteressant. Es gibt Behörden, die es freigeben und untersuchen.

Finckh: Die haben es aber nicht richtig untersucht.

Heede: Da wir kein Glyphosat auf die Nutzpflanzen selbst ausbringen können, kann keine Belastung der Pflanzen mit Glyphosat entstehen.

Finckh: Das ist ein Teil der Wahrheit. Aber Glyphosat stört das Gleichgewicht im Boden, stört die Mikroorganismen. Wir haben ein Problem mit der Fruchtbarkeit der Böden.

Heede: Die Bodenfruchtbarkeit war noch nie so hoch wie jetzt. Nimmt man uns Glyphosat, müssten wir öfter den Pflug einsetzen mit all seinen Nachteilen: Zerstörung gewachsener Strukturen, Humusabbau und damit CO2-Freisetzung, Erosionsgefahr durch Wind und Wasser.

Gibt es eine Alternative zum Glyphosat?

Heede: Um weniger den Boden zu bearbeiten, wird es ohne Glyphosat nicht gehen.

Finckh: Wir brauchen eine andere Art der Landwirtschaft, mit vernünftigen Zwischenfrüchten, die etwas für den Humus und die Unterdrückung der Beikräuter tun. Zudem haben Sie noch andere Herbizide zur Verfügung. Sie werden nicht wieder pflügen, nur weil es kein Glyphosat geben sollte.

Heede: Glyphosat ist ein Hilfsmittel, wie die anderen auch. Warum soll ich es nicht nehmen, wenn es für das Ziel, was ich erreichen will, die beste Lösung ist? Wir setzen es zudem nur bei Bedarf ein.

Wie lösen wir das Glyphosat-Problem?

Heede: Gar nicht. Das Mittel ist zugelassen. Es wäre ein Jammer, wenn es vom Markt genommen wird. Es gibt keine Ersatzmittel.

Landwirt Frank Heede 

Warum brauchen Sie Pflanzenschutz, warum geht es nicht rein ökologisch?

Heede: Rapsanbau ist beispielsweise im ökologischen Landbau wegen der vielen Schadinsekten so gut wie nicht möglich. Wenn der Raps verschwindet, ist es für viele Insekten schlecht.

Finckh: Es gab Zeiten, wo es bis zu einem drittel Raps in der Agrarwirtschaft gab. Das war zu viel. Da war mit Insektiziden aufgrund der Menge nichts zu retten. Er blüht jetzt, aber die Insekten brauchen Blüten auch im Sommer. Dann gibt es wieder nicht genügend Blüten.

Heede: Getreide blüht nicht offen und steht den Insekten nicht zur Verfügung. Wir können nicht Blühflächen auf unsere Kosten bereitstellen. Der Ertragsausfall muss ausgeglichen werden. Das muss der Steuerzahler bezahlen.

Welcher Weg wäre in Ihrem Sinne?

Finckh: Wir sollten nichts von heute auf morgen verbieten. Wir brauchen mehr Unterstützung für die Landwirte. Wir brauchen ein Ausstiegsszenario für Glyphosat. Es muss einen langfristigen Ausstieg aus Herbiziden insgesamt geben.

Heede: Das kann nicht funktionieren. Die Mehrzahl der Bevölkerung will nicht mehr für Ernährung ausgeben.

Wenn sich nichts ändert, wird es also weitergehen wie bisher?

Heede: Man sollte den freien Verkauf von Pflanzenschutzmitteln an Privatleute verbieten, Ersatzstoffe suchen. Man darf die konventionellen Landwirte aber nicht als die Bösen darstellen.

Finckh: Die konventionellen Landwirte haben es nicht zu verantworten, weil die Kontrollen nicht richtig gemacht wurden. Trotzdem muss viel anders gemacht werden.

Wann wird Glyphosat verboten?

Heede: Ich nehme an, gar nicht. Es ist nicht nachvollziehbar, wenn wir trotzdem weiter belastete Lebensmittel aus dem Ausland importieren.

Finckh: Die Datenlage ist erschlagend. Glyphosat wird der Bevölkerung nicht mehr zu vermitteln sein.

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