HNA-Reportage

Tödlicher Unfall auf der A7: Eine Nacht im Stau

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Über sieben Stunden lang ging nichts mehr: Erst gegen zwei Uhr konnten auf der A7 in Richtung Kassel wieder Fahrzeuge an der Unfallstelle vorbeifahren. Das Foto zeigt die Gefällestrecke vor der Auffahrt auf die Werratalbrücke kurz nach Mitternacht.

Hann. Münden. Es ist etwa 18.30 Uhr, als ich in Göttingen auf die A7 nach Kassel fahre. Geplante Ankunft: ungefähr 19 Uhr. Am Ende ist es 4 Uhr morgens, als ich in mein Bett falle.

Nach dem schweren Unfall auf der Autobahn stand ich über sieben Stunden vor der Werratalbrücke im Stau. Sieben Stunden lang Kälte, Schnee, Windböen und Ungewissheit.

Im Auto höre ich immer eigene Musik, Staumeldungen nur zur vollen Stunde. Ein Fehler, den ich nie wieder mache. Was ich jetzt auch weiß: Es ist immer gut, eine Decke im Auto zu haben.

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Anfangs ist es noch hell, als ich gegen 18.45 Uhr auf den Stau auffahre. Bremsen, Warnblinker, umgucken. Neben mir stehen Autos mit Kennzeichen aus Hildesheim, Schaumburg, Polen, die rechte Spur ist mit Lastwagen belegt. Ich stelle meinen Motor ab und steige aus.

So richtig weiß noch niemand Bescheid. Informationen verbreiten sich nach und nach: Schwerer Unfall, beide Seiten gesperrt, ein Toter, mehrere Schwerverletzte, Stau. Über meine Kollegen bei der HNA weiß ich ein wenig mehr: Leitplanke durchbrochen, Sperrung auf ungewisse Zeit, Verkehrschaos in beiden Richtungen. Der Handyempfang reißt immer wieder ab, nur das Radio funkt zuverlässig.

Während auf der Gegenfahrbahn Richtung Göttingen Polizei, Krankenwagen, Notarzt und diverse Schlepper rauf- und runterfahren, steht in meiner Richtung alles. Gegen 22.30 Uhr bahnt sich der erste Abschleppwagen mühsam seinen Weg. Ich kann noch über eine Stunde die blinkenden Lichter sehen, während die anderen Fahrzeuge langsam eine Gasse bilden.

Es wird ungemütlich 

Ich beschäftige mich inzwischen damit, die Kälte aus meinen Gliedern zu vertreiben. Es ist schon lange finster, außerdem gibt es immer wieder starke Schauer. Eine Decke habe ich nicht dabei, nur meine Jacke und gefütterte Stiefel.

Todesopfer nach Unfall auf A7 nahe Werratalbrücke

Irgendwann mache ich doch Motor und Heizung an, da weder das Technische Hilfswerk noch das Rote Kreuz mit Decken oder heißen Getränken in Sicht sind. Zum Glück ist mein Benzintank noch voll. Hungern muss ich auch nicht: Wasser und Müsliriegel habe ich immer im Auto, heute sogar Bananen.

Mehrere Unfälle auf der A7 zwischen Münden und Lutterberg

Um Mitternacht kommt die Müdigkeit. Viele haben sich bereits in Decken eingewickelt, einzelne spazieren umher. Gegen 0.30 Uhr keimt Hoffnung auf: In der Gegenrichtung rollt der Verkehr wieder an. Auch auf meiner Seite werden Motoren angelassen, Scheinwerfer leuchten auf, Menschen kehren zu ihren Autos zurück. Doch es dauert noch bis 2.15 Uhr, bis erste Fahrzeuge in Richtung Kassel im Schritttempo an der Unfallstelle vorbeifahren können.

Benedikt Dittrich ist Volontär bei unserer Zeitung.

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