Galerie Dreiklang: Das tote Mädchen vom Strand immer im Kopf

Kriegsnarben: Lisel Eckert zeigt das Bild eines Mädchens, das ihren Mann bis zu seinem Tod verfolgte, weil er es im Zweiten Weltkrieg nicht beerdigen konnte. Foto: Eismann

Hann. Münden. Die Galerie Dreiklang zeigt bis zum 30. November Bilder vom Grauen des Krieges. Klaus Eckert, ehemals Pastor von Wiershausen, hat sie gemalt. Sie erzählen über seinen Tod hinaus von den Schrecken, die er erlebte.

„Vom Krieg hat mein Mann wenig erzählt.“ Lisel Eckert muss sich den Vormarsch auf Leningrad 1941 genauso anhand von Karten zusammenreimen, als hätte sie nicht einen ehemaligen Funker der Heeresgruppe Nord geheiratet. Stattdessen hat der spätere Wiershäuser Pastor Klaus Eckert Bilder von dieser Zeit hinterlassen: düstere Landschaftsaquarelle, meist menschenleer, kleine Häusergruppen in die Landschaft geduckt. Die Baumkronen sind schwache Farbkleckse gegenüber dem finsteren Graublau der faserigen Wolken, oft gespiegelt in einem Tümpel, einem Bachlauf, im Meer.

Grau-blau scheint selbst noch das Gesicht eines Mädchens, das zwischen all den Landschaften verloren wirkt. Bis zu seinem Tod habe es Klaus Eckert gequält, dass er ihre Leiche nicht habe beerdigen können, soviel weiß die 90-jährige Witwe zu erzählen. Mit dem Videointerview begann am Samstagabend die Eröffnung der Ausstellung in der Hann. Mündener Galerie Dreiklang.

Die Farben und eine Rolle Zeichenpapier habe Eckert wohl im Rucksack mit sich getragen, wenn er vor oder hinter der Front Kabel verlegte und sie wieder aufrollte. „Er hat die Bilder mit der Feldpost an seinen Vater geschickt. Erst als er entlassen war hat er die Skizzen in größere Formate übertragen.“

Inzwischen sind diese in der ganzen, großen Verwandtschaft verstreut. Nur für die Ausstellung bis zum 30. November haben Nina Geling und Ekkahart Bouchon sie für ihre Galerie zusammengetragen. Dort kombinieren sie die Landschaften geschickt mit Menschen, die darin wohnen könnten: Reproduktionen von Kurt Reubers Zeichnungen russischer Gesichter aus dem Kessel von Stalingrad. Auch diese Porträts zeichnen sich - anders als seine Stalingradmadonna - gerade durch das Fehlen von Licht, Leben, Liebe aus.

Wirklich, fast greifbar, ja, das sind sie: Keine Falte lässt Reuber aus, kein strähniges Haar, kein übergroßes Paar Ohren. Wenige Striche nur, und der Pelzkragen sieht weicher aus als das Bartgestrüpp, das Kindergesicht glatt und die hellen Augen eines jungen Mädchens scheinen fast zu leuchten. Aber nicht vor Freude.

Fröhliche Gesichter sucht man vergeblich bei den Alten und ganz Jungen, die Kurt Reuber in Stalingrad vor den Zeichenblock liefen.

Musikalisch untermalte die Ausstellungseröffnung Nuri El Ruheibany jr. mit seinem ersten Klavierkonzert seit Jahren. Wirkte sein Spiel bei Alexander Skrjabins Préludes in e-Moll und cis-Moll noch etwas stockend, so passte das durchaus zum kalkulierten, kühlen Ton der Stücke. Doch konsequent steigerte er sich durch Beethovens „Mondscheinsonate“, Sergei Rachmaninows Préludes in Es-Dur und gis-Moll und Robert Schumanns Faschingsschwank aus Wien.

Zu allerhöchster Form lief er aber mit der Zugabe auf, Rachmaninows Moment musical in e-Moll. Wo die meisten Menschen nicht einmal alle zehn Finger schnell genug bewegen könnten, erschuf El Ruheibany ein kraftvolles, komplexes Klangmuster, das ihm zu Recht tosenden Applaus bescherte.

Wenig hat Klaus Eckert später vom Krieg erzählt. Nur dieses eine Erlebnis aus den Jahr 1945, von dem seine Witwe berichten kann: Schon auf dem Rückzug, in der Nähe der Ostsee im Bunker eingegraben, erfuhren die Soldaten vom Untergang des ehemaligen Kreuzfahrtschiffs Wilhelm Gustloff mit an die 10 000 Flüchtlingen aus Ostpreußen an Bord. Leichen wurden vor ihren Augen am Strand angeschwemmt, aber bevor Eckerts Trupp sie bergen konnte, erging der Befehl zum weiteren Rückzug. Dass besonders die Leiche eines jungen Mädchens Klaus Eckert so im Gedächtnis blieb, mag weitere Gründe haben. Nina Geling vermutet, dass der Funker bereits einen ähnlichen Verlust betrauerte: eine junge Hausgenossin aus einem vorherigen Quartier, deren Dorf vollständig zerstört worden war. (zee)

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