Reihe: Damals in Münden

Um 1900 war Hann. Münden eine Industriestadt

Briefkopf des Jahres 1902 der Firma Händler und Natermann in Hann. Münden
+
Briefkopf des Jahres 1902: Wirkungsmächtig und nicht immer der Realität entsprechend präsentierten sich die Firmen in Briefköpfen. Rauchende Schornsteine gehören dazu und der Kronenturm ersetzt den Ziegelpfortenturm als zweiten Turm für den Hagelschrotguss, der seinerzeit im Fährenpfortenturm und Hampeturm betrieben wurde.

Heute sorgen sich Menschen um Leerstände in der Innenstadt von Hann. Münden. Vor 100 Jahren war die Dreiflüsstestadt in Südniedersachsen ein boomender Industriestandort.

Hann. Münden – In den vergangenen Jahren war an mancher Stelle immer mal wieder zu hören: „Die Innenstadt stirbt aus.“ „Es machen viele Geschäfte zu.“ Um 1900 hat das sicherlich kein Mündener gesagt, denn zu dieser Zeit war die Stadt gerade dabei, zu einem wichtigen Industriestandort zu werden.

Die Wirtschaft erfuhr einen regelrechten Boom. Das wiederum führte dazu, dass zahlreiche Menschen der Arbeit wegen nach Münden kamen. Innerhalb von knapp 60 Jahren stieg die Bevölkerungszahl auf mehr als das Doppelte. 1848 waren es 3805 Einwohner gewesen, 57 Jahre später waren es 10 122. Um den stetig wachsende Bevölkerung mit Wohnraum zu versorgen, einige Fabriken, wie beispielsweise C. F. Schröder und „Union“, ließen Werkssiedlungen bauen und auch der Gemeinnützige Bauverein tat sich bei der Eindämmung der Wohnungsnot hervor. Er ließ zahlreiche, auch für Arbeiter bezahlbare Wohnungen in Hermannshagen entstehen.

Da die wirtschaftliche Entwicklung zu einem großen Teil von der Industrie abhängig war, musste der industrielle Fortschritt weiter vorangetrieben werden. Dazu stand der Ausbau der Flussschifffahrt auf dem Plan. Vorgesehen war, neben der Errichtung der Weserumschlagstelle, die Kanalisierung von Werra und Weser. Nur eines dieser Vorhaben fand Verwirklichung - und zwar die Weserumschlagstelle. Am 31. August 1906 konnte sie eingeweiht werden. Ob die Eröffnung eines neu errichteten Fuldahafens in Kassel im Jahr 1895 eine Rolle beim Verwerfen der Kanalisierungpläne gespielt hat?

Glücklicherweise hatte Münden noch weitere Modernisierungen in petto. Eine davon war 1889 die Eröffnung der Gasanstalt. Das ermöglichte den Industriebetrieben neben Dampfmaschinen nun auch Gasmotoren zu verwenden. Die neue Gasanstalt machte zusätzlich die Einführung des Schichtbetriebs möglich. Wie? Durch die neue Gasbeleuchtung. Dadurch stieg die Produktivität die Betriebe, die nun aber auch mehr Rohstoffe benötigten. Weil die Pläne hinsichtlich der Flusskanalisierung nicht verwirklicht wurden, musste verkehrstechnisch eine Alternative her.

Um den neuen, großen Rohstoffhunger der Mündener Industrie zu befriedigen, kam der Eisenbahnnetzausbau ins Spiel. Im Zuge dessen verlagerten dann auch viele Betriebe ihre Standorte. Das Schmirgelwerk von C. F. Schröder war bereits 1898 von der Böttcherstraße nach Neumünden verlegt und die Kautabak-Fabrik Fischer und Herwig zog 1901 von der Ziegelstraße nach Hermannshagen. Wenngleich diese beiden Betriebe neben dem Metallverarbeitungsunternehmen Haendler und Natermann wohl die Bekanntesten waren, gab es noch eine Vielzahl weiterer Fabriken in der Stadt. Friedrich Pannetz war der zweite ortansässige Schmirgelfabrikant. Die Firma Carl Brüggemann stellte Dampfkessel her, Francke und Gedrath produzierten Fässer. Für Leder waren Wentzler sowie Haase zuständig. Tribian und Söhne war damals noch Fahnenproduzent, bevor die Firma später als kriegswichtiges Unternehmen Schmirgelprodukte herstellte. Die Gebrüder Kunth produzierten Gummiwaren und Rißmüller Kunstdünger.

Außerdem gab es noch die Stärkefabrik „Union“ und eine Cellulosefabrik im Schulzenrode, Sägewerke und die Mündersche Mühle. Rumsfeld produzierte in der Breiten Gasse Farben und Lacke. In den zahlreichen Firmen arbeitete die Belegschaft häufig zehn Stunden pro Tag und das sechs Tage die Woche. Heute ist von der einst florierenden Mündener Industrie nicht mehr allzu viel übrig.

Von Sarah Schnieder

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.