Von der Windel entwöhnt

Hann. Münden: Mielenhäuser Familie berichtet über die Erlebnisse in Pelzerhaken

In Lenste an der Ostsee: Leser Heinz Zarse berichtet von großem Appetit während des Aufenthalts im Zeltlager. Essen gab es aus der Feldküche.
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In Lenste an der Ostsee: Leser Heinz Zarse berichtet von großem Appetit während des Aufenthalts im Zeltlager. Essen gab es aus der Feldküche.

Generationen haben Erinnerungen an Pelzerhaken, jenen Ostsee-Ort, an dem das Landschulheim des Landkreises Münden stand. Wir stellen Erinnerungen unserer Leser vor. Heute: Ilona und Heinz Zarse.

Hann. Münden – Rimini, New York, Singapur: Ilona Zarse war bereits an vielen spannenden Orten dieser Welt. Bis heute ist jedoch die Ostsee ihr Favorit. Und hier besonders der kleine Ort Pelzerhaken, mit dem sie und ihr Mann Heinz viele schöne Erinnerungen verbinden.

Das erste Mal durfte sie 1955 ins Schullandheim fahren, berichtet Ilona Zarse. „Meine damaligen Klassenkameradinnen und -kameraden bekamen nicht alle die Genehmigung von ihren Eltern. Ich hatte viel Kraft und Energie aufgewandt, um die Einwilligung von meinen Eltern zu bekommen“, schreibt die Mielenhäuserin. Das Geld für die Reise habe sie sich auch beim Rübenverziehen in der Landwirtschaft verdient. Der Kampf mit den Eltern habe sich für sie aber gelohnt: So konnte sie an der Ostsee das Freischimmerabzeichen erwerben.

„Meine bestandene Prüfung wurde toll gefeiert mit selbstgepflückten Strandblumen, Muscheln – und ein Mitschüler, mein heimlicher Freund, hatte einen Kuchen per Post von seinen Eltern bekommen, den er mir überreichte. Ja auch kleine Kinder waren schon verliebt“, schreibt Ilona Zarse. Geschlafen habe sie damals in Zelten. An Schiffsfahrten nach Bad Malente-Gremsmühlen (Fünf-Seenfahrt), erinnert sie sich noch heute gern zurück. Die Ferientage seien viel zu schnell vergangen und sie habe sich schon aufs folgende Jahr gefreut.

„Pelzerhaken ist ein Stückchen Erde für mich, ein Ort, ja fast eine zweite Heimat, über 65 Jahre prägend, mit vielen Emotionen und Erinnerungen.“ Mit den Eltern und ihrem Bruder Manfred sei sie zudem jährlich ein weiteres Mal an die Ostsee in die Ferien gefahren. Bei den Aufenthalten im Schullandheim habe sie die Haare offen getragen, was ihre Eltern zuhause nicht akzeptiert hätten. „Hier war Freiheit pur“, schwärmt Ilona Zarse. Gut in Erinnerung geblieben ist ihr ein Geburtstag: „Ich bekam Gratulationen von den Jungs in Form eines Ständchens mit ‘Musikinstrumenten’ wie Besen, Waschbrett, Stöcken, Grashalmblasen, Gesang, Blechdosen und viel Spaß. Blumen waren natürlich selbst gepflückt und kleine ‘Liebesbriefe’ waren auch dabei. Tolle Zeit!“

Ehemann Heinz Zarse denkt an die Erlebnisse des ersten Zeltlagers des Landkreises Münden 1954 in Lenste bei Grömitz: „In den dunklen Zelten des Bundesgrenzschutzes schliefen wir mit 15 Personen auf Strohsäcken. Ein Donnerbalken wurde hinter dem Zeltlager von uns ausgehoben und mit einer Zeltplane abgedeckt“, schreibt Heinz Zarse.

Das Essen sei in einer provisorischen Feldküche zubereitet worden. „Wir hatten einen so großen Appetit, dass nach einer Woche die Nahrungsmittel aufgebraucht waren“, erinnert er sich. Der Lagerleiter habe dann weitere Finanzmittel vom damaligen Landkreis Münden anfordern müssen. Erst 1955 sei dann das Jugendlager in Pelzerhaken vom Landkreis Münden eingerichtet worden. Geschlafen habe man dort in Vier-Mann-Zelten mit Holzfußboden und gegessen worden sei im Speisesaal, wo sich auch die Sanitäranlagen befunden hätten.

„Es waren tolle Freizeiten 1954 und 1955“, lobt Heinz Zarse. Der Ostseestrand bei Pelzerhaken hat Familie Zarse bis heute nicht losgelassen: 1966 verheiratet, seien sie mit ihrem dreijährigen Sohn Oliver, mit Ilona Zarses Bruder Manfred, der ebenfalls die Ostsee, Pelzerhaken und die Landschulheimferien immer geliebt habe und dessen Frau Evelyn, gemeinsam nach Pelzerhaken gefahren.

Ihr Sohn habe damals noch Windeln getragen, berichtet Ilona Zarse. Das habe zu einer lustigen Anekdote geführt: Der Sohn sei früh aufgestanden, um Zeit mit ihrem Bruder zu verbringen. Dann passierte es: „Er fragte meinen Bruder, ob er denn morgen wieder kommen darf. Die Antwort meines Bruders war, wenn du kein Pipi mehr in die Windel machst. Was passierte: Der kleine Oliver stand wie immer morgens auf und ging, mit drei Jahren, zum Strand.

„Hier war Freiheit pur“: Schwärmt Leserin Ilona Zarse noch heute über das Leben in Pelzerhaken.

Er hat sich am Strand von seiner Windel befreit und Pipi gemacht.“ Mit den Windeln in der Hand sei er dann schnurstracks zu Onkel und Tante marschiert und habe stolz erzählt: „Oli sauber, Pipi im See.“ Das Lachen habe kein Ende genommen und ihr Sohn sei von dem Tag an ohne Windel gewesen. (Thomas Schlenz)

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