Die Kunst des Nichtstuns

Waldbaden als Selbstversuch: Urlaub für den Geist 

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Eine Auszeit mit allen Sinnen erleben: Esther Fiess vom Volksgesundheitsverein Hemeln bietet Waldbaden an. Ziel kann dabei unter anderem das Niemetal wie auf unserem Foto sein.

Ein Japan-Trend aus den 80ern schwappt nach Deutschland: „Waldbaden“ gilt seit Jahrzehnten als Bestandteil des ausgeglichenen Lebens und soll auch in Deutschland bekannter werden.

Shirin Yoku hat das „Baden in der Atmosphäre des Waldes“ 1982 erfunden. Was erst mal nach einem alles andere als unüblichen Waldspaziergang klingt, ist viel mehr. Wir haben Waldbaden mit Esther Fiess, Heilpraktikerin und Vorsitzende des Volksgesundheitsvereins Hemeln, ausprobiert.

Der Weg führt Esther Fiess und mich ins Niemetal in der Samtgemeinde Dransfeld, gut zehn Autominuten von Hemeln entfernt. Auf dem Weg dorthin erzählt Fiess, dass es eine ganze Vielzahl von Entschleunigungskursen bundesweit mit diversen Möglichkeiten gibt. 

Die Umgebung im Wald intensiv wahrnehmen

„Dabei ist der Wald dafür ideal und hat auch keine Nebenwirkungen“, sagt die Heilpraktikerin. „Gut, Ausrutschen und Hinfallen, aber das kann man auch zuhause“, sagt Fiess mit einem Augenzwinkern.

Im Wald angekommen ist das wirkliche Ankommen wichtig. „Man muss auch mal nichts tun können. Genau das können aber viele Menschen gar nicht mehr“, erklärt Fiess. Beim Waldbaden gilt, etwa im Unterschied zu einem Spaziergang oder Waldlauf, die Umgebung intensiv wahrzunehmen. 

„Jetzt im Sommer gibt es viel Grün, das beruhigend auf die Augen wirkt, man hört die Blätter rascheln, kann Rinde oder den Waldboden riechen und fühlen.“ Darauf müsse man sich einlassen. Und das, so zeigt es meine eigene Erfahrung, ist gar nicht so einfach.

Aus dem Gedankenkarussell des Alltags entfliehen

Welche Termine am heutigen Tag noch anstehen und vieles mehr sind die Gedanken, die mir sonst, fast schon unbemerkt, durch den Kopf schießen. „Aus diesem Gedankenkarussell muss man rauskommen“, erklärt Esther Fiess.

Möglich wird das durch diverse Übungen. Alte Gedanken werden, fast schon tanzend abgeschüttelt, die bewusste und laut zischende Atmung wirkt vielleicht im ersten Moment etwas albern, hilft aber tatsächlich beim Ankommen. 

„Man kann auch singen oder seine Wut rausschreien. Ein Baum schreit ja nicht zurück“, sagt Fiess und lacht. „Das, was einem hier beim Waldbaden guttut, das ist das, was man machen sollte.“

So kann man einfach mal den Blick in die Natur schweifen lassen, barfuß durch die erfrischend kühle Nieme gehen oder auf einem Baumstamm liegend in den Himmel gucken. „Wer mit offenem Herzen und kindlichem Staunen einen Wald betritt, der wird niemals den gleichen Wald zweimal erleben“, so Fiess.

Glück, Stressabbau und verminderte Schlafstörungen

Wie das Ganze letztlich auf den Körper wirkt, ist laut Esther Fiess in diversen Studien untersucht worden. Intensives Glück, Stressabbau, verminderte Schlafstörungen, Linderung von Kopfschmerzen, Depressionen und Angsterkrankungen, Bluthochdruck sowie Atem- und Lungenproblemen gehören unter anderem dazu.

Gut eine Stunde dauerte das Waldbaden, das unter anderem auch vom Volksgesundheitsverein kürzlich angeboten wurde. „Ein festes Zeitfenster ohne Hektik, aber mit berührenden Eindrücken unseres natürlichen Lebensraums: der freien Natur“ resümierte eine Teilnehmerin bei der Veranstaltung Ende Juni, die extra aus Berlin angereist war. Dem kann ich mich uneingeschränkt anschließen.

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