Abbiege-Assistent in Lkw kann Leben retten

Warnton bei Unfallgefahr 

+
Abbiege-Assistent:Das Foto zeigt die Beifahrerseite des Mercedes-Benz-Lkw vom Typ Actros. Die Gefahrensituation wird rekonstruiert: Der Lkw will rechts abbiegen. Da ein Zusammenstoß mit dem Radfahrer droht, leuchtet die LED-Anzeige in der A-Säule rot. Außerdem wird der Lkw-Fahrer durch einen Warnton über einen Radio-Lautsprecher gewarnt. Foto: Daimler AG/nh

Hann.Münden. Ein Abbiege-Assistenzsystem in Lkw erkennt Personen - Radfahrer und Fußgänger -  im toten Winkel. Damit können Unfälle vermieden werden. Mercedes-Benz ist der bisherig einzige Hersteller, der die Elektronik in Lkw eingebaut hat. 

Fußgänger und Radfahrer sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer. Werden sie von Autos oder Lkw erfasst, so sind die Folgen vielfach sehr schwerwiegend. Am 22. März starb in Hannover ein 48-jähriger Radfahrer. Er fuhr auf dem Radweg udn wollte an einer Kreuzung geradeaus weiterfahren. Dabei wurde er von einem rechts abbiegenden Lkw erfasst und überrollt. Der Lkw-Fahrer hatte den Radfahrer offenbar nicht gesehen, da dieser sich im toten Winkel befand. 

Der Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen reagierte mit der Forderung an den Gesetzgeber, für Lkw den Einbau eines sogenannten Abbiege-Assistenzsystems zur Pflicht zu machen. In Deutschland ist Mercedes-Benz nach Angaben des Unternehmens der bisher einzige Lkw-Hersteller, der ein Abbiege-Assistenzsystem serienreif entwickelt und auf den Markt gebracht hat. Dabei wird der Lkw-Fahrer durch ein radargestütztes System zunächst optisch und dann akustisch gewarnt, wenn sich eine Person – Radfahrer oder Fußgänger – in dem toten Winkel befindet. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat zitiert in seinen Empfehlungen zu fahrzeugtechnischen Maßnahmen gegen Rechtsabbiegeunfälle zwischen Lkw und Radfahrer eine Schätzung der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Danach, so schätzt die UDV, könnte mit einem leistungsfähigen Abbiege-Assistenten fast die Hälfte dieser Abbiegeunfälle mit Fußgängern und Radfahrer verhindert werden. Nach Auskunft von Hauptkommissar Jörg Arnecke, Verkehrssicherheitsberater im Präventionsteam der Polizeiinspektion Göttingen, wurden 2016 innerhalb der Polizeiinspektion über 1000 Verkehrsunfälle durch Fehler beim Ein- und Abbiegen verursacht. Inwieweit diese Unfälle auf den toten Winkel zurückzuführen sind, könne nicht gesagt werden, so Arnecke, da Unfallbeteiligte bei der Unfallaufnahme dazu keine Angaben zu machen brauchen.

Abbiege-Assistent erkennt Person

Mercedes-Benz, eine Marke von Daimler, ist nach Angaben des Unternehmens der bisher einzige Lkw-Hersteller, der den Abbiege-Assistenten mit Personenkennung anbietet. Das radargestützte System funktioniere mehrstufig:

1. Will der Lkw-Fahrer abbiegen und hat er die Fahrrichtungsanzeige („Blinker“ gesetzt, befindet sich aber eine Person – ein Radfahrer beispielsweise – im Seiten bzw. Abbiegebereich des Lkw, wird der Lkw-Fahrer optisch gewarnt: In der A-Säule auf der Beifahrerseite leuchtet in Blickhöhe des Fahrers eine LED in Dreiecksform gelb auf. Dadurch wird der Lkw-Fahrer aufmerksam und blickt in Richtung Außenspiegel auf die Beifahrerseite.

2. Droht die Gefahr einer Kollision mit dem Radfahrer wird der Lkw-Fahrer zusätzlich optisch und akustisch gewarnt: Die LED-Leuchte blinkt mehrfach rot mit höherer Leuchtkraft, nach zwei Sekunden dauerhaft rot. Außerdem ertönt bei Unfallgefahr ein Warnton über einen Lautsprecher des Radios.

Zusätzlich zum Abbiege-Assistent hat Mercedes-Benz einen Notbrems-Assistent auf den Markt gebracht, der vorwiegend im innerörtlichen Verkehr (bis 50 km/h) Fußgänger erkennt und bei drohender Kollision eine automatische Teilbremsung einleitet.

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) hatte bereits 2014 die Industrie aufgefordert, mit Nachdruck Abbiegeassistenten zu entwickeln. Sobald wie möglich, so das Expertengremium, solle der Gesetzgeber die Abbiege-Assistenten vorschreiben. Die Vorschriften sollten international gelten.

Was macht der Gesetzgeber in Deutschland? Das Bundesverkehrsministerium teilt auf HNA-Nachfrage mit, das Ministerium habe zum Abbiege-Assistenzsystem für Lkw ein Forschungsprojekt umgesetzt, um die Grundlagen für ein Testverfahren für diese Systeme festzulegen. Das weitere Vorgehen werde in der UN-Wirtschaftskommission für Europa beraten.

Für den optionalen Einbau von Abbiege-Assistenzsystemen oder Kamera-Monitor-Systemen leiste das Ministerium finanzielle Unterstützung im Rahmen des Förderprogramms „De-minimis“.

Das Ministerium habe zudem zu einem Runden Tisch „Abbiege-Assistent für Lkw“ eingeladen, um sich mit Verbänden, Herstellern und Organisationen über das Ziel einer möglichst schnellen Einführung dieser Systeme auszutauschen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.