Fernhandel auf Wasser und auf Schienen

Warum die Eisenbahn zum Niedergang der Schifffahrt in Hann. Münden führte

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Da liegen Weserschiffe wie „Böcke“, „Bullen“ und „Hinterhänge“ an der Tanzwerderspitze und Altmünden: Stahlstich nach einer Zeichnung von Captain Robert Batty, 1828.

Hann. Münden. Im Fernhandel spielte Hann. Münden eine bedeutende Rolle, da die wichtigste Nord-Süd-Verbindung exakt hier entlanglief. Außerdem herrschte in Münden eine besondere Zollfreiheit.

Und das auf allen Wasser- und Landwegen. Dies resultierte aus dem Übergang vom thüringischen in den braunschweigisch-lüneburgischen Besitz, der 1247 erfolgte - und machte Münden für Kaufleute überaus attraktiv.

567 Jahre Sonderstellung

1247 erhielt die Dreiflüssestadt das Stapelrecht, welches bis Mitte des 19. Jahrhunderts den Wohlstand der Stadt sicherte. Das Stapelrecht beinhaltete eine spezielle Vorzugsklausel, die vorsah, dass sämtliche Waren, die über Münden transportiert wurden, dort ausgeladen und der örtlichen Bevölkerung angeboten werden mussten. Der Weitertransport war ausschließlich Mündener Transporteuren vorbehalten. Dieses Privileg ließ Hann. Münden eine exponierte Stellung im Handels- beziehungsweise Transportwesen zukommen. 576 Jahre verfügte Hann. Münden über diese Sonderstellung – bis zum Wiener Kongress 1815, bei dem unter anderem die Abschaffung zahlreicher Handelshindernisse beschlossen wurde. Die hieraus resultierende Weserschifffahrtsakte setzte dem Stapelrecht zum 1. Januar 1824 ein Ende.

Das moderne Münden

Otto Hartenstein jedoch setzte „die eigentliche Wende vom alten zum modernen Münden“ etwas später an. Die eigentliche Zäsur läge demnach im Jahr 1856, als Münden an das Eisenbahnnetz angebunden wurde. Der Anschluss an die Hannoversche Südbahn löste zunehmend die Nordsüdverbindung zu Wasser ab (die noch 1856 gebräuchliche Eisenbahntechnik ließ noch keine wesentlichen Transportmengen zu) und schuf die Streckenverbindung von Göttingen über Grone, Ellershausen, Dransfeld und Oberscheden nach Münden und weiter über Speele, Kragenhof und Ihringshausen nach Kassel. Kassel war über die Main-Weser-Bahn mit Frankfurt verbunden. Ab 1876 konnte die Bahnverbindung von Göttingen über Eichenberg und Münden nach Kassel genutzt werden. Das ließ den Schiffsverkehr Mündens eingehen.

Viele Berufe verloren an Bedeutung: Neben den Großhändlern büßten auch im Transportgewerbe Tätige ihre Beschäftigung ein, darunter vor allem solche, die für die Verladung zuständig waren. Diese Entwicklung machte eine Neuorientierung nötig, welche sich vor allem ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zeigte.

Industrieboom

Aus dem Handelsknotenpunkt wurde schrittweise eine kleine Industriemetropole. Außer wenigen Ausnahmen, wie der bereits 1812 gegründeten Zuckerfabrik der Familie Wüstenfeld und den Lederfabriken von G. Wentzler sowie der von F. Haase, kam es vor allem in der zweiten Jahrhunderthälfte zu einem „Industrieboom“.

Ab circa 1860 entstanden zahlreiche Industriezweige wie zum Beispiel die Cellulosefabrik, Fassfabrik Francke und Gedrath, Kautabakfabrik Fischer und Herwig, Kesselschmiede K. Brüggemann, G. Musmann und Söhne, Münder’sche Mühle, mehrere Schmirgelwerke und die Weserschleifmittelwerke.

Diese zahlreichen Fabriken prägten das Gesicht Mündens bis in die heutige Zeit.

Von Sarah Schnieder

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