Damals in Münden

Weihnachtliche Traditionen in Hann. Münden: Katharinenläuten und Schruppen

Eine kolorierte Ansichtskarte des Verlages Edgar Schmidt, Dresden um 1910
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Eine kolorierte Ansichtskarte des Verlages Edgar Schmidt, Dresden um 1910: „Schruppekarten“ erfreuten vor allem Mündener, die in andere Städte und Regionen gezogen waren, als Heimatgruß. repro: Stefan Schäfer

In Hann. Münden gibt es zwei Bräuche zur Weihnachtszeit, die in Vergessenheit geraten sind: das Katharinenläuten und das Schruppen.

Hann. Münden – Beleuchtung und Dekorationen sind angebracht, die Stadt hat sich herausgeputzt, kommenden Sonntag ist der erste Advent. Die Weihnachtszeit ist da - und mit ihr althergebrachte Traditionen. Zwar gibt es viele Traditionen, die die Weihnachtszeit begleiten, aber es gibt auch einige, die dem Wandel der Zeit zum Opfer gefallen sind. Auch Münden konnte lange Zeit zwei ganz besondere Bräuche vorweisen. Inzwischen sind das Katharinenläuten und das Schruppen in Vergessenheit geraten.

Aber von vorn: Ein kranker Einsiedler im Reinhardswald, eine junge Nonne aus dem Hilswartshäuser Stift und das Dunkel der Nacht sind die Zutaten, die es für die Legende um die Entstehung des Katharinenläutens braucht. Die Nonne wollte den kranken Mann im Reinhardswald besuchen und versorgen. Offenbar hatte sie sich mit der Zeit etwas verschätzt, denn auf ihrem Rückweg brach die Nacht über sie herein. Sie verirrte sich in der Dunkelheit.

Aber dann vernahm sie in der Ferne die Kirchenglocken von St. Blasius. Neun Glockenschläge halfen ihr, den Weg aus dem Wald zu finden und führten sie in die Stadt. Weil sie ohne die Klänge der St.-Blasius-Glocken sicherlich in Schwierigkeiten geraten wäre, schenkte die Nonne der Kirche als Dank für die Rettung eine neue Glocke. Diese wiederum erhielt den Namen der Nonne und wurde fortan jedes Jahr ab dem Namenstag der Heiligen Katharina, dem 25. November, in Erinnerung an die neun rettenden Glockenschläge abends um 9 Uhr geläutet.

Wann genau sich das Katharinenläuten etabliert hat, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. In Akten des 18. Jahrhunderts ist es jedoch bereits erwähnt. So Ernst und religiös der Hintergrund des Katharinenläutens ist, so voll Witz und Schabernack ist die zweite Mündener Tradition: das sogenannte Schruppen. Unbeliebte Bürger der Stadt mussten ab dem 19. Jahrhundert zu dieser Zeit des Jahres damit rechnen, wortwörtlich angeschmiert zu werden. Mit Schuhcreme oder Fett und Ruß „verzierten“ die Mündener die Gesichter unliebsamer Bekannter oder Nachbarn. Jeder, der schon einmal mit Schuhcreme hantiert hat, weiß: Sie ist hartnäckig. Gleiches gilt für die Fett-Ruß-Mischung, sodass nur langes Schruppen die Schmiererei entfernen konnte. So kam der Brauch auch zu seinem Namen.

Um das Spektakel einzuleiten, half der Mündensche Spruch: „Hier hebbet se ne, hier schrubbet se ne!“ („Hier haben wir ihn, hier schrubben wir ihn!“). Wie so vieles im 19. Und 20. Jahrhundert blieb aber auch dieser Brauch nicht unpolitisch. Das bekannteste Beispiel ist das eines Drogisten mit Namen Reinhardt, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein antisozialdemokratisches Gedicht in den Mündenschen Nachrichten veröffentlichte. Am Abend des 25. November 1895 versammelte sich dann auch eine große Menschenmenge vor seinem Haus an der Langen Straße (heute Lange Straße 80), um ihm das – ganz in Schrupp-Manier – heimzuzahlen. Allzu lange, geschichtlich gesehen, hatte das Schruppen danach aber keinen Bestand mehr. Ende der 1930er Jahre fand auch diese Tradition ihr Ende.

Von Sarah Schnieder

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