Damals in Münden

Wie Familie Lamsbach die Mündener 53 Jahre lang zu Weihnachten unterstützte

Dr. Karl Brethauer fotografierte um 1960 die beiden Blitzableiter, die seit der Lamsbachschen Stiftung Schaden von der Kirche seit 1866 erfolgreich abwehren. Repro: Stefan Schäfer/Stadtarchiv/nh;
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Dr. Karl Brethauer fotografierte um 1960 die beiden Blitzableiter, die seit der Lamsbachschen Stiftung Schaden von der Kirche seit 1866 erfolgreich abwehren.

Milde Gaben und Schutz bei Gewitter: Die Mündener Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts haben dem Spross einer Handelsfamilie aus der Dreiflüssestadt einiges zu verdanken.

Hann. Münden – Heinrich Andreas Lamsbach (1798-1871), den es im März 1820 nach Leipzig zog, sorgte sich um die Kirche und die Menschen in seiner Heimatstadt. Das war unter anderem der Grund, warum die St. Blasius Kirche einen Blitzableiter erhielt. Lamsbach hatte ihn gespendet.

Wie genau es dazu kam, berichtet Lamsbach in einem Brief, den er 1866 in der vergoldeten Kugel unter der Wetterfahne auf dem Turm für die Nachwelt hinterließ. 1973 tauchte das Schriftstück im Zuge der damaligen Sanierung des Kirchturms wieder auf.

Mit einem Gewitter fing alles an

Lamsbach schreibt, dass er am 25. Juni 1865 gemeinsam mit seiner Nichte Johanne Hering bei Leipzig ein Gewitter gehört hatte. Das Mädchen war besorgt, dass Blitzeinschläge Münden gefährlich werden könnten. Beide verbrachten gerne die Sommermonate in der Stadt. Lamsbach redete seiner Nichte gut zu und versicherte ihr, dass die Stadt durch ihre Tallage und die großen Bäume der ringsum höher liegenden Wälder geschützt sei.

Lamsbach bezog in Leipzig die Mündenschen Nachrichten und las, dass am 25. Juni ein Blitz im St. Blasius Kirchturm einschlug, ohne einen größeren Schaden zu hinterlassen. In Folge dieser Ereigniskette stiftete er St. Blasius einen Blitzableiter.

Das ist jedoch nicht alles. Nach dem Tod Heinrich Andreas Lamsbachs führte seine Schwester Dorette Hering (geborene Lamsbach) die Wohltätigkeitstradition fort. Am 5. Februar 1871 verfasste sie einen Brief an den damaligen Bürgermeister Stölting. Der erhielt nicht nur den Brief, sondern 1100 Taler dazu.

Schwester Lamsbachs gründete eine Stiftung

Dorette hatte jedoch genaue Vorstellungen davon, was mit dem Geld passieren sollte. Sie wolle damit eine Stiftung einrichten, die den Namen ihres Bruders trug und zweierlei Zwecken dienen sollte. Zum einen veranlasste sie, dass die Zinsen des Kapitals dazu verwandt werden sollten, den Blitzableiter instand zu halten. Mit dem Rest bedachte sie die weniger Glücklichen: Mit dem übrigen Kapital solle man „einigen verschämten Armen kleine Weihnachtsfreuden bereiten“.

Das ließ sich der Magistrat nicht zweimal sagen und erwarb mit Erlaubnis von Dorette und der Königlichen Landdrostei Hildesheim sodann Aktien der Magdeburg-Leipziger Eisenbahngesellschaft, die den Anschluss Mündens nach Halle durch das Werratal verwirklichte. Dadurch sollten die nötigen vier Prozent Zinsen erwirtschaftet werden.

Die Verwaltung der Stiftung übernahm die Städtische Armenkasse, was die Abläufe erleichterte. Der städtische Armenpfleger wusste, welche Bürger besonders bedürftig waren und konnte diese dem Magistrat zur Berücksichtigung bei der Stiftungszahlung vorschlagen. Fast 53 Jahre lang gab es die milde Gabe der Lamsbach’schen Stiftung zur Weihnachtszeit und von Jahr zu Jahr stieg die Anzahl der Bittgesuche.

Weil die bald nach dem Krieg folgende Inflation aber auch Hilfsorganisationen nicht verschonte, war 1922 Schluss mit der Lamsbach’schen Stiftung. Am 20. Dezember 1922 erhielt Witwe Minna Hammerschlag die letzte verzeichnete Zahlung. Sie bekam 111,52 Mark und damit den Ertrag des Jahres 1922 allein. Schon jetzt war diese Zuwendung durch die Inflation im Grunde nichts mehr wert. Dennoch, für jährlich sieben bis zwölf Bedürftige, wurde die Last der Krankheit, der Armut und des Alleinseins über fünfzig Jahre ein Stück leichter. (Sarah Schnieder)

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