Stiller Protest 

Mysteriöses grünes Kreuz in Wiershausen sorgt für Aufsehen  

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Landwirt Eckhard Finger beteiligt sich an bundesweiter Aktion zur schlechten Situation im landwirtschaftlichen Berufsstand. 

Ein grünes Kreuz, das am Ortsrand von Wiershausen in Fahrtrichtung Hermannshagen steht, wirft bei Passanten und Autofahrern Fragen auf.

Wer ist hier gestorben? An wen wird hier gedacht? Eckhard Finger (70), Nebenerwerbslandwirt aus Wiershausen, kann und will diese beantworten: „Genau so ist das gedacht. Mit den Kreuzen wollen wir darauf hinweisen, wie schlecht es derzeit um den landwirtschaftlichen Berufsstand bestellt ist und dass das Höfesterben rasant weiter geht. Wir werden immer weniger und Politik wie Gesellschaft sollten sich fragen, ob diese Entwicklung denn wirklich so gewollt ist.“ 

Mit dieser Art von stillem Protest wolle er genauso wie viele Tausend Landwirte in ganz Deutschland sowie mittlerweile sogar in Nachbarländern auf die Situation hinweisen.

Initiator der Aktion ist der als „Bauer Willi“ bekanntgewordene Landwirt Willi Kremer-Schillings vom Niederrhein, der am 7. September „um fünf vor zwölf“ auf seinem Blog bauerwilli.com schrieb, dass er aufgebracht sei über das von Bundesumwelt- und Bundeslandwirtschaftsministerium verabschiedete Agrarpaket: 

„Das Abfackeln von alten Reifen, ein Treckerkorso oder das Bespritzen von Gebäuden mit Gülle (wie es die Franzosen machen) würde uns sicher nicht das Wohlwollen unserer Mitbürger einbringen. Deshalb habe ich heute auf unserem Feld, an einer viel befahrenen Bundesstraße, ein grünes Kreuz aufgestellt. Quasi als stiller Protest. “

Kreuz soll aufmerksam machen 

Diese Mahn-Kreuze sollen die Passanten auf die Folgen des Agrar-Pakets und die allgemeine Lage der Landwirtschaft hinweisen. Denn das Paket gefährde nicht nur die Existenz der landwirtschaftlichen Betriebe, sondern auch die Versorgung der Bevölkerung mit regionalen Lebensmitteln. 

Im Sinne des Genossenschafts-Gedanken von Friedrich Wilhelm Raiffeisen („Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele“) rief er Bauern dazu auf, ebenfalls Kreuze aufzustellen und mit Gesellschaft und Medien in Kontakt zu treten.

Das tut Finger: Vor 14 Tagen hat er das Kreuz aufgestellt und seitdem etliche Gespräche mit Mitbürgern geführt. Finger, der heute noch etwas Rinderhaltung betreibt und 13 Hektar Grünland bewirtschaftet, hat 2011 den Ackerbau aufgegeben: „Es hat sich nicht mehr gelohnt, es wird immer komplizierter und weil es immer mehr Auflagen gibt, hab ich das Ackerland abgegeben.“

Auch das sei eine der Folgen der immer restriktiveren Landwirtschaftspolitik: Vor allem kleine und mittlere Betriebe, die die Politik ja eigentlich haben will, geben auf.

Kein einziger Vollerwerbshof

Mittlerweile gebe es im Dorf keinen einzigen Vollerwerbshof mehr, die Flächen würden von landwirtschaftlichen Betriebsgemeinschaften aus den Nachbardörfern bewirtschaftet - Anfang der 80er Jahre habe es hingegen noch vier Vollerwerb- und 30 Nebenerwerbsbetriebe gegeben. „Da hatten wir - lange vor dem Oldtimer-Boom im Dorf - 54 Trecker und 16 Mähdrescher im Ort.“

„Regional produzieren“ werde immer wieder gefordert - die Region zwischen Kassel und Göttingen könne sich aber gar nicht mehr direkt selber versorgen, erläutert Finger die Widersprüche zwischen Wunsch und Wirklichkeit. „Die nächste Molkerei ist 200 Kilometer weit weg, der nächste kleinere Schlachthof in Heiligenstadt.“ 

Auch das Dorf hat sich stark verändert

Mit der Landwirtschaft hätten sich auch die Dörfer stark verändert in den vergangenen 40 Jahren. Höfe finden keinen Nachfolger - auch, weil sich der Berufsnachwuchs mangels Perspektive auf den Höfen oft für besser bezahlte Jobs in der Industrie entscheidet.

Wie es mit seinem Hof weitergeht, vermag Finger nicht zu sagen: „Ich hoffe auf meinen Enkel Julian. Der ist 20 und hat Interesse, nebenberuflich die Landwirtschaft weiter zu machen.“

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