Fach- und Rohstoffmangel Thema

Wirtschaftsentwicklung 2022: Einschätzungen von Experten aus Südniedersachsen

Das Handwerk hat die Versorgung auch in Krisen-Zeiten sichergestellt, so die Handwerkskammer Niedersachsen (Symbolbild).
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Das Handwerk hat die Versorgung auch in Krisen-Zeiten sichergestellt, so die Handwerkskammer Niedersachsen (Symbolbild).

Wie hat die regionale Wirtschaft das zweite Coronajahr überstanden und was ist für 2022 zu erwarten? Dazu nehmen Vertreter von Industrie, Handel, Handwerk und Banken Stellung.

Südniedersachen - Seit zwei Jahren dominiert die Coronapandemie das Leben in Südniedersachsen. Anfang 2021 sorgten sich viele Händler um Insolvenzen. Handwerk und Industrie erlebten überwiegend ein Nachfragehoch. Überall machte sich der Ressourcen- und Fachkräftemangel bemerkbar. Banken beobachteten einen hohen Zuwachs auf privaten Sparkonten und berieten Unternehmer zu Krediten. Seitdem ist ein Jahr vergangen.

„Die Arbeitslosigkeit ist in den letzten zwölf Monaten wieder deutlich gesunken, auch die Zahl der gemeldeten Stellen nahm wieder zu. Auf den Arbeitsmarkt kehrte Normalität zurück“, blickt Klaudia Silbermann, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Göttingen auf das vergangene Jahr zurück. Unternehmen nutzten weiterhin das Instrument der Kurzarbeit, um ihre Beschäftigten zu halten. „Die 7700 Betriebe und die über 55 000 Beschäftigten des Südniedersächsischen Handwerk haben in den Jahren 2020 und 2021 bewiesen, dass sie mit schwierigen Situationen umgehen können.“

„Das Handwerk ist systemrelevant, diszipliniert und stabil“, sagt Ina-Maria Heidemann, Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen. Große Teile des Handwerks hätten durchgearbeitet und die Versorgung der Bevölkerung „unaufgeregt sichergestellt“.

Nadia Mohseni, Leiterin der IHK-Geschäftsstelle Göttingen, beobachtete, wie sich die Wirtschaftslage 2021 „mit zunehmender Impfquote und in der Folge Erleichterungen bei den getroffenen Corona-Maßnahmen“ entspannte, „bevor die Corona-Maßnahmen zum Jahresende wieder verschärft wurden“.

Für 2022 äußern alle Branchen erneut Hoffnung auf Lockerungen von Corona-Einschränkungen und nennen Rohstoffmangel und Fachkräftemangel als dominierende Themen.

Agentur für Arbeit Göttingen: „Neue Aufgaben für Beschäftigte“

„Ich gehe davon aus, dass die großen Themen Transformation, Fachkräftemangel, Energiewende und Klimaschutz sich auf dem Arbeitsmarkt deutlicher bemerkbar machen werden“, so die Erwartung von Klaudia Silbermann, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Göttingen, für das Jahr 2022. „Arbeitsplätze und Berufe verändern sich im Zuge neuer technischer Möglichkeiten rasant.

Demzufolge werden neue Aufgaben auf Beschäftigte hinzukommen. Die Qualifizierung von Arbeitslosen wie Beschäftigten wird noch stärker in den Fokus rücken. Denn gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden das Rückgrat jedes Unternehmens.“

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes werde beeinflusst werden von dem weiteren Verlauf der Pandemie und den damit zusammenhängenden Maßnahmen und Auswirkungen, wie zum Beispiel auch Lieferengpässen.

Mit Blick auf den Ausbildungsmarkt sei zu hoffen, dass die Entwicklung der Pandemie wieder mehr Berufsorientierung möglich macht, durch Infoveranstaltungen und Berufsberatung in Präsenz und Praktika zur Überprüfung des Berufswunschs und Kennenlernen neuer Berufsfelder

IHK Hannover: „Coronahilfen weiter erforderlich“

„Die Entwicklung im kommenden Jahr wird nicht zuletzt vom Pandemieverlauf geprägt sein. Unternehmen hoffen auf eine Entspannung der Corona-Lage und die dadurch mögliche Rücknahme einschränkender Schutzmaßnahmen“, so Nadia Mohsenis Erwartungen für 2022. Das vergangene Jahr habe gezeigt, wie dynamisch die Wirtschaft sich erholen kann. Absehbar sei, dass die Engpässe und Preissteigerungen bei Rohstoffen und Vorprodukten bleiben werden.

„Vor allem aber wird der Fachkräftemangel in den kommenden Jahren demografiebedingt weiter an Dynamik gewinnen. Bereits jetzt wird dieser in der Wirtschaft als eines der Hauptrisiken für die wirtschaftliche Entwicklung gesehen“, sagt die Leiterin der IHK-Geschäfsstelle Göttingen. In Folge der Corona-Pandemie seien viele Unternehmen ohne eigenes Verschulden in wirtschaftliche Not geraten.

Mit Coronahilfen sei die Liquidität der Betriebe gesichert und existenzielle Notlagen abgewendet worden. Auch aktuell seien bestimmte Branchen stark beeinträchtigt. Je nach Entwicklung der pandemischen Lage könnten sie bei betroffenen Unternehmen auch noch länger erforderlich sein.

VR-Bank Südniedersachsen: „Hoffen auf Erholung der Wirtschaft“

„Das abgelaufene Jahr war geprägt durch die Corona-Pandemie mit den sich immer wieder verändernden Rahmenbedingungen“, so Folkert Groeneveld, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank in Südniedersachsen.

Das unveränderte Null- oder Negativzinsniveau sei fester Bestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung gewesen. Die Kapitalmärkte hätten sich auf Jahressicht gut entwickelt und den investierenden Menschen versöhnliche Vermögenszuwächse beschert.

„Für 2022 erwarten wir eine etwas andere Entwicklung. Wir hoffen auf eine sich sukzessiv verbessernde Situation zum Thema Pandemie und einen Erholungsprozess der Wirtschaft durch anstehende Nachholeffekte.“ Eine Verbesserung der Lieferketten könne eine solche Entwicklung unterstützen. „Wir erwarten keine nennenswert veränderte Zinslandschaft, allerdings erlangt die Diskussion um die Höhe der Inflation steigende Bedeutung. Gespannt sind wir alle auf die Impulse der neuen Bundesregierung, insbesondere hinsichtlich ihrer wirtschafts- und arbeitsmarktrelevanten Auswirkungen. Die Kapitalmärkte können sich bei Auf- und Abbewegungen auf Jahressicht hierbei positiv entwickeln.“

Wirtschaftsförderung in Hann. Münden: „Keine seriöse Vorhersage möglich“

„Die Branchen Handwerk und Dienstleistungen waren, sind und bleiben auch in Pandemiezeiten gefragt. Der private Konsum ist sehr hoch, auch wenn sich dies leider nicht vorrangig im lokalen Einzelhandel niederschlägt“, sagt Tobias Vogeley, Wirtschaftsförderer der Stadt Hann. Münden. Die steigenden Infektionszahlen im Dezember seien für die Gastronomen zur Unzeit gekommen.

Die Industrie habe überwiegend volle Auftragsbücher, aber mit hohen Energiepreisen und Lieferengpässen zu kämpfen.

„Die Coronahilfen haben die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in der Pandemie definitiv stabilisiert.“ Die Hilfen würden auch weiterhin umfänglich benötigt.

Für 2022 erwartet Vogeley eine weiterhin hohe Nachfrage in der Industrie. „Wenn sich die Zulieferer-Problematik Stück für Stück auflöst, wird ein Aufholeffekt in allen Bereichen eintreten.“ Dies gelte auch für die Gastronomie und den lokalen Tourismus. Dennoch sei jeder Blick in die Zukunft maßgeblich davon abhängig, ob sich Corona von der Pandemie zur Epidemie/Endemie entwickelt oder ganz verschwindet. „Dies kann heute niemand seriös vorhersagen.“

Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen: „Risiko verstärkter Personalausfälle“

„Auch wenn die Konsumfreude der Verbraucher im Jahr 2022 stabil bleiben dürfte, so steigt angesichts der offenbar deutlich ansteckenderen Omikron-Variante die Sorge vor erneuten Einschränkungen.

Ein ansteigendes Infektionsgeschehen birgt zudem das Risiko verstärkter Personalausfälle, was sich für Handwerkskunden negativ auf die Wartezeiten und Auftragsabwicklung auswirken könnte“, so der Blick von Ina-Maria Heidmann, Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen, auf das kommende Jahr.

„Wir haben 2021 eine voraussichtliche nominale Umsatzentwicklung von plus zwei Prozent. Für 2022 rechnen wir mit dreieinhalb Prozent.“ Außerdem sei damit zu rechnen, dass die Bauinvestitionen weiter zulegen, insbesondere im Wohnungsbau und in der energetischen Sanierung.

„In den stark betroffenen Bereichen sind die Coronahilfen existenziell.“ Dazu gehörten zeitweise Friseur- und Kosmetikbetriebe, Handwerke mit Ladengeschäften und Gesundheitshandwerke. Kurzarbeit, Zuschüsse, Darlehen, Sozialversicherungs- und Steuererleichterungen blieben wichtige Instrumente der Politik. (Kim Henneking)

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