Kindeswohlgefährdung

Wohl vieler Kinder im Landkreis Göttingen gefährdet: Jugendamt nahm 60 Kinder in Obhut

Familien sind wegen der Coronapandemie an der Belastungsgrenze: Am Beratungstelefon des Landkreises klagen Eltern häufig über Streit beim Homeschooling. Unser Symbolbild zeigt ein Kind in Abwehrhaltung.
+
Sind Kinder gefährdet, kann das Jugendamt des Landkreises Göttingen auf verschiedene Weise helfen.

Die Zahl der gemeldeten Verdachtsfälle wegen Kindeswohlgefährdung im Landkreis Göttingen ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

Landkreis Göttingen – So gab es nach Angaben des Landkreises 2020 insgesamt 362 Verdachtsmeldungen, im Jahr davor waren es 285. Für dieses Jahr sind bereits 222 solcher Meldungen (Stand September) beim Jugendamt eingegangen. Seit 2017 gibt es insgesamt mehr Hinweise auf Kindeswohlgefährdungen im Kreis. Warum das so ist, sei von Fall zu Fall unterschiedlich und nicht unbedingt mit der Pandemie in Verbindung zu bringen, heißt es vonseiten des Kreises.

Dass die Pandemie und ihre Folgen Familien aber enorm belaste, sei klar. Gewalt käme dabei in allen Familienkonstellationen vor. Am häufigsten betroffen seien Familien, in denen beide Elternteile zusammen leben, gefolgt von alleinerziehenden Elternteilen.

Zudem gebe es mehr Menschen, die einen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung melden. „Die Menschen sind sensibler, informierter und schauen genauer hin“, so der Kreis. Das Jugendamt nehme die Hinweise ernst und prüfe jeden. Bei akuter Gefahr könne das Jugendamt Kinder auch in Obhut nehmen.

Jugendamt nimmt Kinder am häufigsten wegen Überforderung der Eltern in Obhut

So wurden 2021 60 Kinder in Obhut genommen. 2020 waren es 91, im Vorjahr 142. Dabei sei die Initiative meistens vom Jugendamt ausgegangen, gefolgt von betroffenen Kindern. Die häufigsten Gründe für eine Inobhutnahme seien Überforderung, körperliche oder psychische Misshandlung und Vernachlässigung. Auch ausländische Kinder, die keinen Sorgeberechtigten in Deutschland haben, könnten in Obhut genommen werden.

Bei je 100 der geprüften Fälle wegen Kindeswohlgefährdung in 2019 und 2020 habe das Jugendamt abschließend keine Gefährdung feststellen können. Zudem habe es 2020 143 Fälle gegeben, bei denen zwar keine Gefährdung vorgelegen habe, die Familie aber Hilfe benötige.

Kinder seien zudem 2020 sexueller Gewalt und Vernachlässigung häufiger ausgesetzt gewesen als im Vorjahr – beides stieg um etwa 10 Prozent. Ob das mit den Lockdowns und Schulschließungen zusammen hänge, könne anhand der Statistik nicht eindeutig belegt werden. Es könne aber Konflikte in Familien negativ beeinflusst haben.

Dass die Zahlen gestiegen seien, könnte auch daran liegen, dass Polizei und Justiz vermehrt in diese Richtung ermitteln, so der Kreis.

So hilft das Jugendamt Kindern und Eltern

Nicht immer seien Kinder akut gefährdet. Hilfe brauchen die Familien aber trotzdem, so der Kreis. Das Jugendamt vermittle den Familien dann verschiedene Beratungsangebote, beispielsweise vom Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) oder sie werden an andere Beratungsstellen, Ärzte, Therapeuten oder Kliniken vermittelt. Zudem helfe die Sozialpädagogische Familienhilfe bei der Erziehung. Die Familienzentren im Landkreis stehen Familien ebenfalls beratend zur Seite. (ter)

So prüft das Jugendamt Hinweise

Beim Jugendamt des Landkreises häufen sich die Hinweise zu Kindeswohlgefährdungen. Jeder, der eine mögliche Gefährdung eines Kindes bemerkt, kann das beim Jugendamt melden, so der Kreis. Was passiert danach?

Nachdem ein Mitarbeiter des Jugendamts geklärt habe, ob die Familie bereits bekannt ist, erfolge eine erste Gefährdungseinschätzung der Situation mit noch einer weiteren Fachkraft (Vier-Augen-Prinzip). Ist nach dieser Einschätzung der Schutz des Kindes nicht gefährdet, werde mit den Sorgeberechtigten und dem betroffenen Kind gemeinsam gesprochen. Je nach Situation könne sich das Jugendamt auch Informationen von Dritten, zum Beispiel von Schulen, einholen. Bei einem Hausbesuch prüfen die Fachkräfte, wie die häusliche Situation und die Beziehung zwischen dem betroffenen Kind und den Sorgeberechtigten ist.

Wenn eine akute Kindeswohlgefährdung vorliegt, können laut Angaben des Landkreises die Mitarbeiter des Jugendamts sofortige Schutzmaßnahmen einleiten. Das bedeutet, dass das Kind aus der häuslichen Situation herausgeholt und entweder in einer Pflegefamilie oder in speziellen Einrichtungen wie Wohngruppen untergebracht würde.

Zudem sprechen die Fachkräfte mit den Sorgeberechtigten darüber, was sie tun können, um eine weitere Gefährdung des Kindes zu verhindern. Das Jugendamt informiere die Sorgeberechtigten auch darüber, dass sie erzieherische Hilfe in Anspruch nehmen können.

Landkreis und Stadt Göttingen bieten verschiedene Hilfsangebote an

Hilfe bekämen Familien beispielsweise vom Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), von Ärzten und Therapeuten und von der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Wenn es nötig ist, sei auch die Unterbringung in einer Mutter- beziehungsweise Vater-Kind-Einrichtung möglich. Außerdem erfolge durch das Jugendamt eine kontinuierliche Risikoeinschätzung, nach der entschieden werde, wie der Familie weiter geholfen werden könne.

Um Kindeswohlgefährdungen vorzubeugen, haben der Landkreis und die Stadt Göttingen das Netzwerk Frühe Hilfen und Kinderschutz eingerichtet. Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen, der Kinder- und Jugendhilfe, der Schwangerschaftsberatung und Frühförderung unterstützen dort Familien während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren des Kindes. Das biete zum Beispiel das Café Kinderwagen mit mehreren Standorten im Landkreis an. Das Netzwerk berate auch Kitas und Schulen zum Thema Kinderschutz. (Natascha Terjung)

Kontakt: Beratungsstelle Kindeswohlgefährdung des Landkreises, Tel. 05 51/5 25 37 37

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.