Handwerker aus ganz Deutschland zu Besuch

Zimmerleute staunen über die Altstadt von Hann. Münden

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Zimmermannsmeister auf Fortbildung: Der ungewöhnliche Dachstuhl der Blasiuskirche weckte großes Interesse. Timo Linnhart, Micha Marterer, Raphael Weber, Nico Seel, Nils Dick und Florian Hiller (hinten von links) sowie André Schmitte, Robert Lopata und Finn Richelshagen (vorn von links) sahen sich die 500 Jahre alte Handwerkskunst ganz genau an. 

Ihr Markenzeichen ist die Zunftkleidung, bestehend aus schwarzem Hut, Weste und Koppel: Zimmermänner waren in der Mündener Altstadt unterwegs. Dabei stießen sie auf Erstaunliches. 

„Das ist ja der Wahnsinn!“ – „Ist das cool hier!“: Ausrufe des Entzückens wie diese galten am Mittwoch in der Mündener Innenstadt alten Balkenkonstruktionen. Eine Gruppe Zimmermannsmeister aus sechs Bundesländern erhielten von Architekt Siegfried Lotze und Denkmalpfleger Burkhard Klapp Einblicke unter alte Dächer. Im Welfenschloss, im Rathaus und in der Blasiuskirche nahmen sie unter die Lupe, was ihre Handwerker-Vorfahren da verzapft hatten.

Die Zimmermeister aus Baden Württemberg, Hessen, Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz absolvieren derzeit einen Lehrgang zum Restaurator am Bundesbildungszentrum des Zimmerer- und Ausbaugewerbes (Bubiza) in Kassel. Drei Monate lernen sie am Bubiza, eine einmonatige Projektarbeit schließt sich an. Architekt Lotze, der dort mittelalterliches Fachwerk unterrichtet, organisiert für Teilnehmer dieses Lehrgangs immer gerne einen Ausflug nach Hann. Münden, weil es in der Dreiflüssestadt so viele holzbauliche Besonderheiten zu sehen gebe.

Davon überzeugten sich die Fach-Besucher: Das „Chaos-Dach“ des Rathauses, das jüngst den Sanierern schon einiges Kopfzerbrechen bereitet hatte, war einen Besuch wert und vermutlich ein absolut einzigartiges Anschauungsobjekt.

500 Jahre unverändert: Handwerksarbeit an Blasiuskirche

Im Welfenschloss erlebten sie niederländisches Dachwerk: Die Zimmerer damals, so beschreiben es die Fachleute von heute, kamen aus Holland. Sie waren Experten im Schiffsbau. Der Dachstuhl des Welfenschlosses entspreche einem Schiffsrumpf, der mit dem Kiel nach oben liegt.

Den Dachstuhl der Blasiuskirche sahen sie sich ebenfalls ganz aus der Nähe an, ein Zimmermannslied auf den Lippen und mit Zimmererklatsch mitten im Gebälk inspizierten sie diese Handwerksarbeit. Die steht seit gut 500 Jahren unverändert, wie Denkmalpfleger Klapp erläuterte, sodass der Besuch einer handwerklichen Zeitreise gleichkam.

Von der Trauf- bis zur Firsthöhe im Blasiusdach sind es gut zehn Meter, die durch eine massive Eichenbalkenkonstruktion in Ständertechnik überbrückt wird. Der freie Raum über dem Kirchengewölbe misst je acht Meter in Breite und Höhe. Der Anblick der riesigen Ständerreihen beeindruckt einfach, wenn man die Treppe des Turms hinaufgekommen ist. Die Handwerker waren sofort ganz in ihrem Element. Die Holzmasse, die hier verbaut wurde, sei heute schätzungsweise drei Millionen Euro wert, sagte Klapp auf eine ihrer Fragen.

Von Türmerwohnung: Blick über Münden

Doch es ging noch höher hinaus: Auch die Turmhaube und die Türmerwohnung nahmen die Handwerksmeister unter die Lupe, die als „Maisonette“-Wohnung, klein wie eine Puppenstube und im Fachwerk-Stil, hoch über den Dächern von Münden thront. Wegen des guten Überblicks habe der Türmer einst auch auf Feuer in der Stadt achten und Alarm schlagen müssen, sagte Lotze.

Von oben betrachteten die Zimmermeister, was ihnen auch am Boden schon positiv aufgefallen war: das reichhaltige, gut erhaltene Fachwerk der Mündener Altstadt. „Wenn man hier wohnt“, fragte einer mit Blick über die Gassen voller schmucker, alter Häuser, „weiß man das dann auch noch zu schätzen?“

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