Der Fall Ludwig Hetzler

Historischer Mord in Münden: Zivilcourage kostete das Leben

Ausschnitt aus einer Ansichtskarte der 1890er Jahre. Hier starb der Zimmermann Ludwig Hetzler, der mutig einen der beiden stadtauswärts Flüchtenden ergreifen wollte.
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Ausschnitt aus einer Ansichtskarte der 1890er Jahre. Hier starb der Zimmermann Ludwig Hetzler, der mutig einen der beiden stadtauswärts Flüchtenden ergreifen wollte. (Repro aus dem Stadtarchiv Hann. Münden)

Ein Mord erschüttert die Dreiflüssestadt im Jahr 1878. Ein Zimmermann aus Bonaforth bezahlt mit seinem Leben. Er wollte drei Verbrecher aufhalten.

Hann. Münden – Es ist bereits dunkel geworden, als am 8. Oktober 1878 sich drei Männer bei Passanten auf der Werrabrücke nach einem Pfandleiher erkundigen. Ihnen wird Salo Proskauer empfohlen, der einen Althandel in der Rosenstraße betreibt. Dort angekommen, wollen ihm die drei Männer Herrenwäsche durchaus gehobener Qualität verkaufen, als plötzlich Amtmann Schlichting dazu stößt.

Männer wollen Hehlerware in Münden loswerden

Ihm kommt die Sache seltsam vor, weshalb er die ihm unbekannten Männer verhaftet. Über die Lange Straße führt er die drei Richtung Rathauswache ab, doch da kommen sie nicht an. Einer der Verhafteten schlägt Schlichting nieder, woraufhin zwei der Ganoven Richtung Oberes Tor fliehen und der dritte zur Werrabrücke. Ein Fleischer hetzt seinen Hund auf das Gaunerduo und auch ein zufällig vorbeikommender Mann stellt sich ihnen in den Weg. Davon lassen sie sich aber nicht aufhalten. Mittels Revolverschüssen halten sie Hund und Passanten von sich fern. Sie schaffen bis zum Oberen Tor, wo Zimmermann Ludwig Hetzler aus Bonaforth einen der beiden zu fassen bekommt.

Zimmermann aus Bonaforth bezahlt mit dem Leben

Diese Zivilcourage bezahl der 46-jährige jedoch mit seinem Leben. Er wird angeschossen und dabei so schwer verletzt, dass er noch an Ort und Stelle stirbt. Die beiden Männer flüchten weiter in Richtung Galgenberg, in den angrenzenden Wald. Der Magistrat informierte über Telegramme und Boten sämtliche umliegenden Polizeistationen und Ortsvorsteher, was noch am selben Abend zu einem Teilerfolg führte: In Dransfeld konnte der allein Geflüchtete gefasst und nach Münden gebracht werden. Dort verriet er, dass er die beiden anderen auf dem Weg von Arolsen nach Kassel auf der Straße getroffen hätte.

Unterwegs seien sie in der Nacht zuvor in Breitenau bei einem Geistlichen eingebrochen und hätten ihm Schmuck, Weinflaschen und etwa 20 Hemden gestohlen. Als die beiden noch flüchtigen Verbrecher kurze Zeit später mit über-durchschnittlich vielen Wertsachen und vier Revolvern bei Melsungen in einen Zug steigen wollen, werden auch sie verhaftet und nach Münden gebracht.

Wütende Menge erwartet die Täter

Fast einen ganzen Tag lang wartet eine wütende Menge am Bahnhof auf die Täter, vor allem auf denjenigen, der den tödlichen Schuss auf Hetzler abgegeben hat: Conrad Schmidt. Er kommt eigentlich aus der Nähe von Borken, aus Zwesten, und hat bereits einiges auf dem Kerbholz. Zuchthäuser und Gefängnisse sind ihm nicht fremd und so hält er auch nicht damit hinter dem Berg, dass er versuchen wird, zu flüchten. Das gelingt ihm allerdings nichts. Zwar schafft er es ganze zweimal, seine Fesseln loszuwerden, aus der Zelle findet er aber keinen Ausweg.

Am 10. Dezember kommt es schließlich zum Prozess vor dem Göttinger Schwurgericht. Conrad Schmidt, der nicht lang zuvor noch groß getönt hatte, wird zum Tode verurteilt. Seine beiden Komplizen erhalten eine Zuchthausstrafe von sieben beziehungsweise fünf Jahren. Es gibt jedoch noch einen weiteren Angeklagten: Salo Proskauer wird wegen Hehlerei ebenfalls vor Gericht gestellt, kommt aber glimpflich davon. Er wird freigesprochen. (Von Sarah Schnieder)

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