Ein Leben über den Dächern von Hann. Münden

Zu Besuch in der Türmerwohnung der St. Blasius-Kirche

Das Türmerehepaar, gespielt von Marie Anne Langefeld (links) und Martina Pakusch (rechts), zeigte seinen Besuchern wie das mittelalterliche Leben in der Türmerwohung der St. Blasius-Kirche aussah.
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Das Türmerehepaar, gespielt von Marie Anne Langefeld (links) und Martina Pakusch (rechts), zeigte seinen Besuchern wie das mittelalterliche Leben in der Türmerwohung der St. Blasius-Kirche aussah.

Am vergangenen Freitag bekam eine kleine Besuchergruppe einen einmaligen Einblick in den Turm der St. Blasius Kirche in Hann. Münden. Neben dem Dachstuhl und dem Glockenturm besuchten die Gäste auch die Türmerwohnung. Begleitet wurde die Führung vom Türmerehepaar, gespielt von Marie Anne Langefeld und Martina Pakusch.

Hann. Münden – Der Aufgang ist beschwerlich. Kaum einen halben Meter sind die ersten hundert steinernen Stufen breit, die auf den Turm der St. Blasius-Kirche in Hann. Münden führen. „Ja, wir hatten damals kein leichtes Leben“, sagt der Türmer, gespielt von Martina Pakusch, die mit Marie Anne Langefeld die Besucher durch den Turm führt. Doch der mühsame Weg lohnt sich.

Nachdem die kleine Besuchergruppe am Freitagnachmittag die enge Wendeltreppe überwunden hatte, bot sich ein Ausblick in den riesigen Dachstuhl der Kirche. 20 Meter hoch ist er. Rund 400 Eichenstämme sind dort verbaut. „Die Stämme wurden vor den Stadttoren vorbereitet und Flaschenzügen und viel Muskelkraft auf das Kirchendach geschafft“, erklärt Lore Puntigam vom Mündener Kunstnetz.

Der Weg führt die Besucher weiter in den Glockenturm. Über eine steile Holztreppe, mehr eine Leiter, gelangen sie nach weiteren hundert Stufen in die Türmerwohnung. „Für eine Wohnung im Mittelalter hatten wir es hier eigentlich ganz gut“, sagt die Türmerfrau, gespielt von Marie Anne Langefeld. Die Besucher schauen sich um. Im unteren Stockwerk gibt es einen Wohnbereich und zwei kleine Zimmer. Die Decken der beiden Zimmer sind niedrig. Der Ausblick durch die winzigen Fenster dafür umso besser.

Die Altstadt und das Welfenschloss. Einen echten Rundumblick haben die Besucher vom Kirchturm aus.

Eine Treppe führt in ein weiteres Zimmer. Von einer kleinen Galerie aus blicken die Besucher hinunter in den Wohnraum. „Fließendes Wasser hatten wir hier natürlich nicht“, erzählt der Türmer. Das Leben in der Türmerwohnung war nicht einfach. „Wir mussten alles hochtragen. Aber wir hatten einen Ofen, auf dem wir gekocht haben und der unsere Wohnung warm gehalten hat“, sagt der Türmer. Jeder, der zu Besuch kam, brachte der Türmerfamilie etwas mit hoch oder trug etwas hinunter. Einen Scheit Feuerholz, einen Sack Kartoffeln oder einen Eimer Wasser. Hinzu kam, dass die Türmer im Mittelalter kein Gehalt bekamen. Der Wohnraum wurde ihnen gestellt. Bezahlt wurden sie mit Naturalien.

Durch eine niedrige Holztür treten die Besucher nach draußen. Der Rundumblick über die Altstadt ist einmalig. „Die Türmerfamilie hatte mit Sicherheit den schönsten Arbeitsplatz in ganz Münden“, sagt einer der Besucher.

Zum Abschluss der Führung serviert die Türmerfrau einen kleinen Imbiss und ein Getränk in ihrer Wohnung. Und wie auch schon vor 400 Jahren haben die Besucher dem Türmerehepaar beim Hinuntertragen geholfen.

„Turmwärters Töchterlein“ heißt das Foto, auf dem Lilli Schmidt am Turmeingang zu sehen ist.

Im September 1923 zogen Henrich und Dora Schmidt mit ihren zwei Kindern als letzte Türmerfamilie aus der Wohnung in der St. Blasius-Kirche aus. Seit 1905 hatte Türmer Heinrich Schmidt über Hann. Münden gewacht und die Bewohner vor Feuer oder anderen Gefahren gewarnt. Bei einem Brand läutete er die tonnenschwere Feuerglocke. Auch für das Geläut zu kirchlichen und weltlichen Anlässen war er zuständig. Fließendes Wasser gab es lange Zeit nicht. Erst 1905 wurden Wasser- und Abwasserleitungen eingebaut. Zuvor wurde das Schmutzwasser auf das Satteldach der Kirche gegossen.

Türmer Heinrich Schmidt zog 1915 in den Ersten Weltkrieg und kehrte erst im September 1919 aus englischer Kriegsgefangenschaft zurück. Über vier Jahre lang arbeitete Schmidts Frau Dora und die 18-jährige Tochter Lilli als Türmerinnen. Als am 16. August 1918 ein Großfeuer die Altstadt bedrohte und die Trocknungsanlagen der Münderschen Mühle abbrannten, erlebten die beiden Frauen die haushohen Flammen aus nächster Nähe. (Eva Krämer)

Der Beruf des Türmers

Die Türmer hatten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert hinein die Aufgabe, die Stadt vom höchsten Turm aus vor Gefahren zu warnen. Zu den Gefahren gehörten herannahende Truppen, Unwetter oder Brände. Bei herannahender Gefahr wurden die Bürger der Stadt mit einem Wächterhorn, einer Glocke, Signalflaggen oder Lampen gewarnt. Die Türmer wohnten meist mit ihren Familien in einer Wohnung im Turm, der zur Kirche, Stadtbefestigung oder Burg gehörte. Trotz des wichtigen Wachdienstes der Türmer, hatten sie kein großes Ansehen. Als „ehrlos“ galt der Beruf im Mittelalter. In der mittelalterlichen Ständegesellschaft wurden die Kinder aus Türmerfamilien daher meist von der Aufnahme in andere Zünfte ausgeschlossen. Im 16. Jahrhundert, durch das Reichsgesetz, bekamen die Türmerkinder die Möglichkeit, ein anderes Handwerk zu erlernen. Der Verdienst eines Türmers war gering: Zwischen 1892 und 1932 lag das Jahreseinkommen bei etwa 400 Mark.

Zu Besuch in der Türmerwohnung in Hann. Münden

Turm der St. Blasius Kirche in Hann. Münden
Die St. Blasius Kirche in Hann. Münden: 58 Meter ist der Turm hoch. Fast 100 Jahre hat die Erbauung gedauert.  © Eva Krämer
Dachstuhl der St. Blasius Kirche in Hann. Münden
Einblick in das Dach der St. Blasius Kirche: 20 Meter ist der Dachstuhl hoch. Rund 400 Eichenstämme wurden dort verbaut.  © Eva Krämer
Dachstuhl der St. Blasius Kirche in Hann. Münden
Die Eichenstämme wurden vor den Stadttoren vorbereitet und markiert. Mit Flaschenzügen und viel Muskelkraft wurden sie auf das Dach der Kirche geschafft. © Eva Krämer
Blick in den Glockenturm der St. Blasius Kirche Hann. Münden
Blick in den Glockenturm der St. Blasius Kirche © Eva Krämer
Das Türmerehepaar, gespielt von Marie Anne Langefeld und Martina Pakusch, führten die Besucher durch den Turm der St. Blasius Kirche in Hann. Münden
Das Türmerehepaar, gespielt von Marie Anne Langefeld und Martina Pakusch, führten die Besucher durch den Turm  © Eva Krämer
Blick in die Türmerwohung der St. Blasius Kirche in Hann. Münden
Blick in die Türmerwohung: dort stand einmal der Ofen  © Eva Krämer
Blick in die Türmerwohung der St. Blasius Kirche in Hann. Münden
Blick in die Türmerwohung: Einige Besucher haben sich dort verewigt.  © Eva Krämer
Die Türmerfrau, gespielt von Marie Anne Langefeld, berichtet über das Leben der Türmerfamilie
Die Türmerfrau, gespielt von Marie Anne Langefeld, berichtet über das Leben der Türmerfamilie. © Eva Krämer
Fließendes Wasser gab es in der Türmerwohnung nicht. Alles musste hinaufgetragen werden.
Fließendes Wasser gab es in der Türmerwohnung nicht. Alles musste hinaufgetragen werden. © Eva Krämer
Türmerwohung der St. Blasius Kirche in Hann. Münden
Während der Führung konnten die Besucher die Türmerwohung entdecken. © Eva Krämer
Blick vom Kirchturm der St. Blasius Kirche in Hann. Münden
Vom Balkon des Turmes hatten die Besucher einen wunderbaren Blick über die Altstadt bis hin zur Tillyschanze. © Eva Krämer
Aussicht vom Turm der St. Blasius Kirche über die Hann. Mündener Altstadt.
Aussicht vom Turm der St. Blasius Kirche über die Hann. Mündener Altstadt. © Eva Krämer
Blick vom Kirchturm der St. Blasius Kirche in Hann. Münden
Die Altstadt und das Welfenschloss. Einen echten Rundumblick haben die Besucher vom Kirchturm aus.  © Eva Krämer
Zum Abschluss der Führung servierte das Türmerehepaar einen kleinen Imbiss in ihrer Wohnung.
Zum Abschluss der Führung servierte das Türmerehepaar einen kleinen Imbiss in ihrer Wohnung.  © Eva Krämer

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