Mündener Ansichten

Zu viele Autos in der Stadt: Fußgängerzone Hann. Münden 1969 eröffnet

Nach gut einem Jahrzehnt hatte man sich am „großstädtischen Flair“ mit in Waschbeton eingefassten Pflanzsortimenten und Kandelaberleuchten sattgesehen.
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Nach gut einem Jahrzehnt hatte man sich am „großstädtischen Flair“ mit in Waschbeton eingefassten Pflanzsortimenten und Kandelaberleuchten sattgesehen.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war das Automobil auf dem Vormarsch. Städte wurden wiederaufgebaut und autogerecht umgeformt. Doch wurden auch in den 1960er-Jahren Fußgängerzonen angelegt. Wie 1969 in Hann. Münden.

Hann. Münden – Das 20. Jahrhundert stand im Zeichen des Automobils. Ein Auto bedeutet Freiheit, es kann ein Prestigeobjekt sein aber es passt vor allem in Massen nicht in unsere historischen und engen Innenstädte. Rund 56,5 Millionen Pkws waren zum 01. Januar 2018 in Deutschland zugelassen, Tendenz steigend. Mit dem Anwachsen des Verkehrs wuchs auch der Straßenausbau in Münden.

Die Diskussion um eine Fußgängerzone in Hann. Münden war langatmig

Dies wurde mit dem Bau der Weserbrücke 1960 und dem Ausbau der Bundesstraßen besonders deutlich. Bis dato musste die gute alte Werrabrücke beiderseitigen Verkehr der Bundesstraßen 3 und 80 aufnehmen. Dabei wurden die Fußgänger nicht nur sinnbildlich an die Geländer gepresst. Die Diskussion um eine Fußgängerzone in Münden war langatmig und doch am Ende ein richtungsweisender Erfolg.

Am 14. Dezember 1969 durchtrennte Bürgermeister Dr. Heinz Strack symbolisch mit einem Schwert einen „Gordischen Knoten“ und übergab den ersten Bauabschnitt der Öffentlichkeit. Tags zuvor wurde der erste Weihnachtsmarkt auf dem Kirchplatz eröffnet und damit auch die Hoffnung auf Begründung einer Tradition an dieser Stelle. Zwischen Marktstraße und Kirchstraße entstanden 144 Meter Freiraum für Fußgänger.

Kraftfahrzeugverkehr über die Werrabücke, der bis 1969 in beiden Richtungen floss. Für Fußgänger galt die Anweisung, jeweils den linken Gehsteig zu nutzen.

Aber auch für die Bewohner der Häuser änderte sich einiges. Die Versorgungsleitungen im Untergrund wurden erneuert und damit bestand auch die Möglichkeit sich an die Ferngasleitung anschließen zu lassen. Damit endete für Viele die Kohlen- und Heizölschlepperei in die Einzelöfen.

Einzelhandel befürchtet Umsatzeinbußen

Der Einzelhandel befürchtete Umsatzeinbußen, die sich zunächst während der Bauzeit ergaben und forderte bequemes Parken an den Stadträndern. Auf der Blume entstand nach Abriss der dortigen Schule eine Parkfläche und auch anderenorts, wie etwa durch den Abriss der Bebauung der Straße „Am Plan“ und am August-Natermann-Platz an Stelle der Wentzlerschen Lederfabrik.

Die Fußgänger schlendern auf grauem Betonverbundsteinpflaster. Seinerzeit Symbol des Fortschritts. Das Herzstück an der St. Blasius Kirche wurde mehrfach dem Zeitgeist angepasst. Es gab zunächst dort Waschbetonkübel und Kandelaber-Straßenlampen mit würfelartigen Leuchten. Kurze Zeit zierte dort ein Brunnen, der nun zu Spanholtz gewandert ist. Zur 800-Jahr-Feier 1983 spendiert, stand er auf einem als vierblättriges Kleeblatt gestalteten Podest. Die „Wasserspuren“, zur Weltausstellung „Expo 2000“ stellen die letzte Überarbeitung dar.

Nachdem die Fußgängerzone ihre Bewährungsprobe bestanden hatte, arbeiteten sich die Baufirmen langsam südwärts zunächst zur Rosenstraße und schließlich bis zum Oberen Tor vor.

Stadt und Konsum im Wandel

Auch das Verhalten der Mündener änderte sich. Anfang der 1970er Jahre wäre wohl kaum einer auf den Gedanken gekommen, sein Essen auf einer Straße einzunehmen. Auch durch die Altstadtfeste befeuert, entdeckten die Menschen diese Freiheiten des Vorrangs vor dem Auto. Bei fast jedem Wind und Wetter bevölkern sie die Plätze der Außengastronomie. Doch der Mensch mag es auch bequem.

Teile des Einzelhandels zog es vor die Stadttore und nun ist die Welt der Waren nur wenige Mouse-Klicks entfernt. Lieferdienste arbeiten im Akkord. Hoffen wir auf ein Aufwachen der Innenstadt als gute Stube, Ort der Begegnungen, des Handels und des Flanierens nach diesem Corona-Winter, die nun fußgängerfreundlichere Schlagd lädt zudem dazu ein, erobert zu werden. (Stefan Schäfer)

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