Übungsleiterin: Seepferdchen reicht nicht aus

Zu wenige Freischwimmer: Nur etwa 40 Prozent der Grundschüler können schwimmen

Hochbad Hann. Münden Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken
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Im Nichtschwimmerbecken (rechts) des Hochbads in Hann. Münden haben schon viele Kinder das Schwimmen gelernt. Erst mit dem Freischwimmer Abzeichen ist es im tiefen Wasser des Schwimmerbeckens (links) sicher.

Viele Kinder und Jugendliche können nicht sicher schwimmen. Das Seepferdchen reicht dafür nicht aus, sagen Experten.

Hann. Münden – „Wir wollen, dass möglichst jedes Kind bis zum Ende seiner Grundschulzeit schwimmen gelernt hat“, lautet das erklärte Ziel des Landes Niedersachsen in einer Meldung.

Doch die Realität sieht anders aus: Nur etwa 40 Prozent der Kinder, können nach Abschluss der Grundschule sicher schwimmen, sagt Anja Zenses, Schwimmübungsleiterin vom Polizeisportverein (PSV) Hann. Münden. Zwischen den Klassen 5 bis 7 seien es etwa 50 Prozent der Kinder.

Zenses gibt seit 13 Jahren Schwimmunterricht, derzeit im Lehrschwimmbecken der Drei-Flüsse-Realschule in Hann. Münden. Wegen der Corona-Pandemie war das Becken die vergangenen drei Monate geschlossen, der Schwimmunterricht musste ausfallen. Nun darf wieder in Kleingruppen unterrichtet werden. Acht Schüler und zwei Übungsleiter dürfen zeitgleich im 12,5 mal 7,5 Meter großen Becken sein.

Anja Zenses, Schwimmübungsleiterin vom Polizeisportverein (PSV) Hann. Münden

Viele wissen nicht um die Gefahr im Wasser

Besonders in der Altersgruppe von acht bis 13 Jahren gebe es erstaunlich viele Nichtschwimmer. „Ich habe einen Horror vor dieser Schwimmsaison“, sagt die Übungsleiterin. Sie befürchte, dass wegen der Coronaregelungen weniger Jugendliche in beaufsichtigte Freibäder gehen und stattdessen in Flüssen oder Seen baden werden. „Viele wissen aber nicht um die Gefahr im Wasser, da wird es schnell vermehrt zu Badeunfällen kommen.“

In Adelebsen fällt das Anfängerschwimmen derweil aus, da nicht der geforderte Abstand eingehalten werden könne, erklärt Margarete Reinecke, Vorsitzende der DLRG Adelebsen/Dransfeld. Während der Sommerferien bleibt die Schwimmhalle geschlossen, somit muss auch der Kurs für das Bronzeabzeichen pausieren. Reinecke hofft darauf, dass die Eltern ihrer Verantwortung gerecht werden und ihre Kinder im Wasser ständig unter Aufsicht haben.

Kinder schwimmen nicht sicher: Situationen schnell lebensbedrohlich

Die Gefahren in unbeaufsichtigten Gewässern können unterschätzt und schnell lebensbedrohlich werden. Beide Übungsleiterinnen sind sich einig: Jede Situation im Wasser sicher beherrschen, können Kinder erst mit dem Erwerb des Bronzeabzeichens. Das Seepferdchen sei nur eine auf das Schwimmen vorbereitende Prüfung.

Anja Zenses vom Polizeisportverein Hann. Münden (PSV) sieht beim Schwimmenlernen die Eltern in Verantwortung: „Grundschulkinder können ihren Schwimmunterricht nicht alleine organisieren, da müssen die Eltern hinterher sein, sie anmelden und hinbringen.“ Oft melden die Eltern ihre Kinder zu Jahresbeginn für Schwimmkurse an.

„Sie hoffen, dass die Kinder dann bis zu den Sommerferien schwimmen können und im Urlaub weniger Aufsicht brauchen“, sagt Zenses. Zu Beginn jedes Kurses sage sie klar, dass das Seepferdchen aber nicht ausreiche, um sicher schwimmen zu können: „Ohne Bronze geht bei mir eigentlich niemand aus dem Kurs“, betont sie.

Schlechte Schwimmer: Bäderinfrastruktur ist ein Problem

Doch dafür müsse Zeit investiert werden, in der Regel braucht es 160 Übungsstunden. Das regelmäßige Training sei für die meisten aber eine zu anstrengende Verpflichtung, ärgert sie sich. „Kompaktkurse taugen nichts, die Kinder müssen über längere Zeit eine Routine entwickeln, um sicher schwimmen zu können.“

Und so passiere es, dass die meisten Kinder nur noch zum Spaß baden gehen, aber nicht mehr auf Strecke schwimmen können, sagt die Übungsleiterin des PSV. „Das ist sehr gefährlich.“

Aber auch die Bäderinfrastruktur stellt ein Problem dar: „Wenn der Weg zum nächsten Schwimmbad zu weit und umständlich ist, bleiben die Schüler fern“, so Zenses.

In Adelebsen musste die Schwimmhalle im letzten Jahr längerfristig wegen Legionellen-Bakterien geschlossen werden, berichtet Margret Reinecke von der DLRG. Erst Ende Januar konnte wieder geöffnet werden. „Im März kam Corona und es wurde wieder geschlossen“, sagt Reinecke. Somit hätte in diesem Jahr niemand das Seepferdchen machen können.

Im Schwimmverein Münden lernen aktuell 40 Kinder das Schwimmen, 10 stünden auf der Warteliste, sagt Holger Böhlmann, Vorstandsvorsitzender. Auch Böhlmann stellt vermehrte Anmeldung zu Jahresbeginn fest und stimmt mit Zenses überein:

„Kurzfristig Schwimmen lernen für den Sommerurlaub reicht nicht aus, damit die Kinder sich sicher im Wasser aufhalten können.“

Holger Böhlmann

Selbst wenn Kinder das Seepferdchen haben, bedürfe es einer stetigen Routine, sonst verlernen sie das Schwimmen wieder, sagt Böhlmann.

Das beste Alter, um Schwimmen zu lernen, sei etwa mit fünf Jahren, sind sich die drei Experten einig. Die Wassergewöhnung sollte bis dahin aber schon abgeschlossen sein.

Gute Schwimmer brauchen Übung

Das Bronzeabzeichen, auch Freischwimmer genannt, gilt als wichtigstes Abzeichen, da es erst erteilt wird, wenn sich die Kinder selbstständig frei und sicher im Wasser bewegen können. Sie können ohne Halten und Hilfe 15 Minuten im Wasser in Bauch- und Rücklage schwimmen und sich unter Wasser orientieren und beherrschen den Paketsprung und Kopfsprung. Wirklich gute Schwimmer werden Kinder aber erst mit regelmäßiger Übung. 

Von Theresa Lippe

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