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Der verhinderte Kaiser vorm Rathaus in Hann. Münden

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In gewisser Weise zum Trotze ließ Eberlein den „verschmähten“ Kaiser auf seinem Sommersitz, der Eberburg aufstellen. Ansichtskarte aus dem Jahre 1898.
In gewisser Weise zum Trotze ließ Eberlein den „verschmähten“ Kaiser auf seinem Sommersitz, der Eberburg aufstellen. Ansichtskarte aus dem Jahre 1898. (Repro) © Stadtarchiv Münden/Repro: Stefan Schäfer

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entbrannte Streit um eine Statue von Heinrich Gustav Eberlein. Sie zeigte Kaiser Wilhelm I und sollte vor dem Rathaus stehen. Das gefiel nicht jedem.

Hann. Münden – Er war zu Lebzeiten bereits ein Denkmal. Die Rede ist von Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen (1797-1888), besser bekannt als Kaiser Wilhelm I., der 1871 im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert wurde.

Der damals schon betagte König von Preußen wurde zur Identifikationsfigur eines durch Blut und Eisen zusammengeschmiedeten Deutschen Kaiserreiches, das in drei Einigungskriegen entstanden war. In der kunstgeschichtlichen Nachbetrachtung gilt diese Epoche als Historismus. Überall im Kaiserreich entstanden Stätten der Heldenverehrung von nationaler bis lokaler Bedeutung. 1878 war Kaiser Wilhelm zweimal das Ziel von Attentaten. Bei Letzterem überlebte er zwei Schüsse mit der Schrotflinte nur knapp.

Hann. Münden: Eine Statue vor dem Rathaus

Visualisierung des Reiterstandbildes anhand eines Modells des Jahres 1894. Durch den Torbogen sollte es in den Ratskeller gehen.
Visualisierung des Reiterstandbildes anhand eines Modells des Jahres 1894. Durch den Torbogen sollte es in den Ratskeller gehen. (Repro) © Stadtarchiv Münden/Repro: Stefan Schäfer

Reichskanzler Bismarck nutzte die Empörung zum Erlass des Sozialistengesetzes, um die aufkommende Sozialdemokratie politisch deutlich einzuschränken. 1883 wurde der Kaiser mit dem Niederwalddenkmal bei Rüdesheim geehrt, ein Anschlag mit Dynamit scheiterte wegen Versagens des Zünders. Kurz vor seinem 91. Geburtstag starb Wilhelm I. 1888 eines natürlichen Todes.

Dessen Sohn und Thronfolger Friedrich Wilhelm war bereits todkrank und verstarb im gleichen Jahr. Sein Enkel Wilhelm II. bestieg den Thron und die Demission des Reichskanzlers Bismarck bedeutete eine Zeitenwende, die die Sehnsucht nach dem alten Kaiser Wilhelm stärkte.

Bildhauer Heinrich Gustav Eberlein spendierte ein Reiterdenkmal für den Marktplatz in Münden. 1892 schrieb Eberlein an die Stadt, dass er ein in Bronze ausgeführtes Reiterstandbild der Stadt zu stiften beabsichtige. Diese nahm die hochherzige Gabe mit Dank an. Auf die Stadt kämen Transportkosten und die Kosten eines Granitsockels zu. Bürgermeister Funck sah sich veranlasst, einen Denkmalausschuss ins Leben zu rufen, vor allem um Spenden einzuwerben. 1894 wurde im Rathaus ein Modell des Reiterstandbilds mit dessen räumlicher Wirkung zur Rathausfassade präsentiert, von dem ein Foto entstanden ist. Der Denkmalausschuss zeigte sich sehr angetan.

Denkmalschutz: Erhaltung des Rathauses wichtiger in Hann. Münden

Eine Person jedoch nicht. Es war der Heimatforscher Georg Fischer, der schriftlich einwendete, dass der gesamte Altan vor dem Rathaus abgebrochen werden müsste und die Wirkung der Rathausfassade dadurch stark beeinträchtigt würde. Er hob hierbei die Meisterleistung des Renaissancebaumeisters des Rathauses, Georg Crossmann (auch Grossmann), hervor. Damit wurden tiefe Fronten in der Stadt aufgerissen. Weiterhin wurde fleißig Geld gesammelt, um das Projekt voranzutreiben. Doch zur Jahresmitte 1894 kam eine entscheidende Wende. Eberlein teilte mit, dass die überlebensgroße Statue als Galvanoplastik ausgeführt werden solle. Ein Streit über die Wertigkeit eines galvanischen Bronzeüberzugs gegenüber einem Bronzeguss wurde sehr emotional geführt.

Georg Fischer erhielt zudem prominente Schützenhilfe. Reinhold Persius, Konservator der Kunstdenkmäler in Preußen und Hofarchitekt seiner Majestät des Kaisers, riet vom Abbruch der Treppen und dem Aufstellen des Reiterstandbildes aus Gründen des Denkmalschutzes ab. Eine Abschrift dieses Schreibens ließ Bürgermeister Funck in einem eigens verschlossenen Umschlag in der Akte verschwinden, wohl auch, weil der eine persönliche Niederlage in dieser Aussage sah. Auch das Verhältnis Eberleins zu seiner Stadt war zumindest zeitweise getrübt und wie zum Trotze ließ der das Reiterstandbild ausführen und stellte es auf seiner Sommerresidenz Eberburg auf.

Kommentiert wurde es von Zeitgenossen wie folgt: „der Kaiser stünde jetzt nicht mehr in der Stadt, sondern er könne jetzt spöttisch auf sie herabschauen.“

4488 Mark, die gesammelt waren, wurden an die Spender zurückerstattet. Der Kaiser auf der Eberburg ging nach 1945 in die Verschrottung, die Ansicht des Rathauses im Renaissancegewand blieb. (Stefan Schäfer)

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