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Hilfe für Menschen in der Ukraine: Spendenbereitschaft ist rückläufig

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Von: Hannah Köllen

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Im Lager in Speele: Ingrid Rathgeber sammelt für die Menschen in der Ukraine.
Im Lager in Speele: Ingrid Rathgeber sammelt für die Menschen in der Ukraine. © HANNAH KÖLLEN

Es wirkt beeindruckend und rührend zugleich, wenn Ingrid Rathgeber im Lager zwischen Kuscheltieren und Säcken voller Kleidung steht. Es handelt sich um Spenden für die Menschen in der Ukraine.

Speele – Die 85-jährige Ingrid Rathgeber sammelt seit Kriegsbeginn Spenden für die Menschen in der Ukraine. Hierfür arbeitet sie eng mit dem Christlichen Hilfsdienst in Hersfeld sowie mit dem Lions Club Wilhelmshöhe zusammen.

„Allein von den Lions haben wir kürzlich unter anderem Hunderte Schlafsäcke zur Verfügung gestellt bekommen“, sagt Rathgeber. Unterstützung für ihre Spendenaktionen erhält Rathgeber von einigen Helfern aus dem Altkreis Münden. Die Organisation der Hilfstransporte und den Kontakt zu den Helfern im Kriegsgebiet übernimmt Rathgeber selbst.

Rathgeber ist nicht ungeübt im Spendensammeln: Ursprünglich galt ihre Hilfe den Opfern der Kernkraftwerk-Katastrophe in Tschernobyl. Mit ihrem Verein „Hilfe für Kinder in Not nach Tschernobyl“ kümmert sie sich seit mehr als 20 Jahren um Familien in der Tschernobylregion.

Hilfstransporte in manche Regionen nicht mehr möglich

„Wir haben dort bis zu 40 Projekte unterstützt, das geht jetzt leider nicht mehr. Corona, aber auch die anhaltenden Unruhen an der belarussischen Grenze sind der Grund, warum wir nicht mehr in das Gebiet fahren. Unsere Spenden kommen dort nicht mehr an“, sagt Rathgeber. Früher sei sie regelmäßig mehrmals im Jahr dorthin gefahren, ihre erste Fahrt mit einem Hilfstransporter in die Region unternahm sie im Jahr 1996.

Es schmerze sie sehr, dass sie die Menschen nicht mehr unterstützen könne. Auch die jährlich stattfindenden Ferienfreizeiten, die Rathgeber immer für die Zeit der Sommerferien organisiert hat, kamen 2019 zum Erliegen.

Jährlich kamen rund 35 Kinder und 10 Erwachsene aus der Tschernobylregion für vier Wochen ins Haus Waldfried nach Speele. „Einfach mal rauskommen und die Ferien genießen: Das war ein Geschenk des Himmels für die Kinder“, sagt Rathgeber.

Fünf Transporte seit Kriegsbeginn

Wir haben uns jetzt umgestellt und organisieren nun Hilfstransporte in die Kriegsgebiete in der Ukraine, in die wir noch kommen“, sagt Rathgeber. Bereits fünf Transporte hätten das Gebiet seit Kriegsbeginn erreicht. Der Transporter habe ein ukrainisches Nummernschild und werde von einem Ukrainer gefahren. Das mache das Durchkommen an der Grenze zu dem Land einfacher, sagt Rathgeber.

Die Spenden werden in ein Lager in Schytomyr, einer Großstadt südwestlich von Kiew, gebracht. Von dort aus werden die Spenden an die Menschen in den betroffenen Regionen verteilt.

Die Menschen werden mit sogenannten Care-Paketen versorgt. Diese werden bereits im Vorfeld im Lager in Speele zusammengestellt und gepackt. Die Spenden in den Paketen reichen von Lebensmitteln wie Nudeln, Reis, Margarine über Hygieneprodukte bis hin zu Kuscheltieren für die Kinder.

Fahrräder werden dringend benötigt

Auch Medikamente wie Schmerzmittel und Wundsalben sind manchmal dabei. „Wir nehmen auch gerne Verbandskästen entgegen, die ihr Verfallsdatum erreicht haben“, sagt Rathgeber.

Am dringendsten würden momentan Fahrrad-Spenden benötigt. Viele Autos seien durch den Krieg zerstört, außerdem herrsche Benzinmangel, sagt Rathgeber. Mit den Fahrrädern würden die Menschen wieder mobil. Wichtig sei, dass es sich bei den Spenden um Fahrräder für Erwachsene handele. Kinderfahrräder würden nicht benötigt. Zudem sollten die Fahrräder funktionstüchtig, also fahrbereit, sein.

Außerdem hätten die Menschen vor Ort einen großen Bedarf an Handtüchern, Bettwäsche, Wolldecken und Schlafsäcken. Auch Schuhe würden benötigt. Hierbei sei es wichtig, dass es sich um festes Schuhwerk handele. „Hohe Hacken können die Menschen dort nicht gebrauchen“, sagt Rathgeber. Auch über Kleidung freue sich der Verein.

„Am besten ist es, wenn Sachen für Erwachsene von der Kinderkleidung getrennt gespendet wird. Das erleichtert uns das Sortieren“, sagt Rathgeber. Leider erreichten sie auch immer mal wieder Spenden, die sie wegwerfen müsse, weil die Sachen beispielsweise verdreckt oder kaputt sind. Das Gros an Spenden sei aber verwendbar.

Verein nimmt Spenden entgegen

Spenden können rund um die Uhr vor der Lagerhalle des Vereins an der Industriestraße in Speele abgegeben werden. Ingrid Rathgeber bittet dann um eine kurze Info unter 01 51/41 97 64 72, damit sie die Spenden verstauen kann. Alternativ können die Spenden auch im Mehrgenerationenhaus/Geschwister-Scholl-Haus, Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße 4, in Hann. Münden von montags bis donnerstags von 9 bis 11 Uhr und donnerstags zusätzlich von 15 bis 17 Uhr abgegeben werden. Nach dem vergangenen Transport sei das Lager aktuell noch sehr leer, sagt Rathgeber. Der nächste Transport soll schnellstmöglich stattfinden, sobald genug Spenden zusammengekommen sind. Ein genaues Datum für den kommenden Transport steht noch nicht fest. Weitere Informationen zum Verein und das Spendenkonto (unter der Rubrik Impressum) gibt es unter rathgeber-speele.de

Spendenbereitschaft ist rückläufig

In einem regelmäßigen Rundbrief berichtet Ingrid Rathgeber über die aktuellen Projekte des Vereins. In dem Schreiben sind oftmals auch dramatische Einzelschicksale beschrieben, wie das des 11-jährigen Daniel aus der Ukraine.

Der Junge leidet an Hämophilie, einer Bluterkrankheit. „Daniel braucht dringend ärztliche Hilfe“, sagt Rathgeber. „Dazu müsste er nach Deutschland kommen, in einem entsprechenden Krankenhaus behandelt werden und mit seiner Mutter in der Nähe der Klinik eine Bleibe finden“, sagt Rathgeber.

Um dem Jungen zu helfen, kontaktierte sie mehrere Kinderkliniken in Deutschland auf der Suche nach einem Arzt, der sich um Daniel kümmern würde. „Von einigen Kliniken habe ich nicht mal eine Rückmeldung bekommen“, sagt Rathgeber. Ein Arzt aus Göttingen hat sich nun bereit erklärt, dem Jungen zu helfen.

600 regelmäßige Spender

Rathgeber weiß: „Die Behandlung wird einen Haufen Geld kosten.“ Außerdem werden Daniel und seine Mutter eine Unterkunft benötigen. All diese Vorhaben müssen finanziert werden, weshalb der Verein auch immer wieder zu Spenden aufruft. „Mit Geldspenden können wir viel Gutes verrichten. Wir sind ja in engem Kontakt mit den Helfern vor Ort und wissen genau, was die Menschen dort brauchen“, sagt Rathgeber.

Ihr Verein habe rund 600 regelmäßige Spender, sagt Rathgeber. „Leider merkt man momentan ganz deutlich, dass die Spendenbereitschaft zurückgeht. In unserem Lager kommen aktuell weniger Spenden an als üblich. Und das, obwohl die Lage im Kriegsgebiet immer dramatischer wird“, sagt Rathgeber.

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