„Erkenntnisse nicht genutzt“

Interview: Mündener Daniel Tändler berichtet aus Südkorea

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In der U-Bahn fällt das Ab standhalten schwer, doch es sind weniger Pendler als sonst unterwegs, berichtet Daniel Tändler.

Südkorea wird während der Coronakrise oft als Vorreiter bezeichnet, wenn es um die Bekämpfung von Covid-19 geht. Der gebürtige Mündener Daniel Tändler wohnt seit zehn Jahren in der Hauptstadt Seoul.

Mit der HNA spricht er über seine Corona-Erfahrung.

Wie haben Sie die vergangenen Monate in Südkorea erlebt?

Es war surreal, wie schnell sich die Situation um 180 Grad gedreht hat. Am Anfang war es hier schlimmer. Die Koreaner haben wirklich sehr schnell reagiert. Auf jedem Handy ist ein staatliches Warnsystem installiert, für Unwetter, Hitzewarnungen und solche Dinge. Und dieses System wurde jetzt dafür genutzt, die Leute zu warnen, wenn im Umkreis ihrer Handy-Ortung ein Infektionsfall auftritt. Dann gab es in Windeseile auch Apps, wo man diese Information abrufen konnte. Bei uns in Deutschland ist diese App immer noch in der Diskussion. In Korea haben sie das halt einfach gemacht. Dann haben sie schnell ihr Testsystem aufgebaut. Man hat das Gefühl gehabt, die machen wirklich, was menschenmöglich ist. Und dann hat man relativ schnell gesehen, dass die Infektionszahlen zurückgegangen sind.

Wie hat sich Ihr persönlicher Alltag verändert?

Mein Alltag hat sich gar nicht so stark verändert. Man hat sich Hygiene angewöhnt und musste zusehen, dass man Masken hatte. Aber wir hatten in Korea nie diese Einschränkungen wie in Deutschland, wo sie jetzt langsam gelockert werden. Wir hatten keine Kontaktbeschränkungen, aber es hat auch Versammlungsverbote gegeben. Restaurants und Cafés waren die ganze Zeit geöffnet, wenn auch weniger frequentiert. Wir hatten auch Social Distancing. Aber das konnte man nicht überall umsetzen. Mit der U-Bahn fuhren weniger Menschen, weil viele Homeoffice gemacht haben. Aber die meisten Regelungen in Korea waren auf freiwilliger Basis. Am schwierigsten war es für Familien, weil Schulen und Kindergärten geschlossen waren. Wir haben ein recht kleines Büro und haben es jedem frei gestellt, ob er Homeoffice machen möchte. Ich habe gemerkt, dass ich zu Hause weniger effektiv arbeite, deshalb fahre ich ins Büro, vermeide aber die Stoßzeiten.

Sie haben die Entwicklung in Deutschland verfolgt. Wo hätten wir uns ein Beispiel nehmen können?

Es gibt im Westen in bestimmten Bereichen noch so ein Überlegenheitsgefühl gegenüber Asien, gerade in der Wissenschaft und in kreativen Dingen. Es gibt dieses Vorurteil, Asiaten arbeiten hart und sind fleißig und können gut Mathematik, aber die bauen alles nach, was wir erfinden. Ich muss dazu sagen, ich selbst musste das auch überwinden. Es gibt schon so eine leichte Tendenz, Erkenntnisse, die hier gewonnen werden, nicht bewusst zu ignorieren, aber weniger wahrzunehmen. Es gab Erkenntnisse, die hier in Korea schon so früh da waren, da hatte ich das Gefühl, die wurden in Deutschland nicht genutzt. Gerade beim Thema Masken.

Ist es auffällig, dass sich Deutsche mit dem Maskentragen schwertun?

Auf jeden Fall. Es muss kulturelle Hintergründe dazu geben. Ich habe mich hier am Anfang auch damit schwergetan. In Korea sind Masken schon immer viel verbreiteter gewesen, vor allem im Winter. Wenn jemand erkältet ist, gilt es hier als Etikette, dass man eine Maske benutzt, damit man andere nicht ansteckt. Wir haben aber auch im Winter viel mit Feinstaub zu kämpfen. Deshalb habe ich irgendwann auch angefangen, Masken zu tragen. Wir hatten hier einen der ersten größeren Ausbrüche nach China. Es hat nicht lange gedauert, da haben fast alle, vor allem im öffentlichen Verkehr, Mundschutz getragen. Eine Maskenpflicht gilt erst seit Kurzem.

Wie stehen Sie zu den Apps, die neue Infektionen in der Umgebung sichtbar machen?

Was unsere privaten Daten angeht – Bewegungsprofil, Zahlungsinformation und und und – da gibt es in Korea jetzt ein Gesetz, dass die Regierung diese Daten im Katastrophenfall in anonymisierter Form nutzen darf. Da werden wir gar nicht gefragt, da haben Koreaner von vorherein viel weniger Probleme mit als die Deutschen, wenn man das mal so verallgemeinern darf. Ich will nicht sagen, der eine liegt richtig, der andere liegt falsch. Aber die Koreaner sind halt bereit, diesen Preis zu zahlen.

Sehen Sie beim Datenschutz Probleme?

Das ist deshalb ein Thema, weil es gerade eine neue Cluster-Infektion in Nachtclubs gab. Für solche Einrichtungen gilt, dass die Temperatur gemessen wird, Name, Adresse, Telefonnummer erfasst werden müssen, Abstand wahren und Maske tragen. Das Problem bei dem Fall ist, dass es sich um Clubs aus der homosexuellen Szene handelt und Korea in dieser Hinsicht extrem konservativ ist. Das heißt, die Leute, die jetzt in Quarantäne gesteckt werden, werden zwangs-geoutet. Und die, die durch das Raster durchfallen, werden einen Teufel tun und sich testen lassen. Im schlimmsten Fall können sie ihren Job verlieren, es gibt keine Anti-Diskriminierungsgesetze, die sexuelle Minderheiten beschützen. Sie werden auch teilweise von ihren Familien verstoßen. Aufgrund dieses Problems bietet die Stadt auch anonyme Tests an.

Dieses Beispiel macht deutlich, wie wichtig Datenschutz ist.

Dieser Fall zeigt ein sozio-kulturelles Problem. Der Schutz von Minderheiten ist meiner Meinung nach nicht diskutabel und absolut wichtig. Aber man muss sagen, Korea ist ein wichtiges Beispiel, wenn es um die Bereitschaft geht, seine persönlichen Daten zur Verfügung zu Stellen. Denn wir sind eine liberale Demokratie mit einer freien Presselandschaft und Meinungsfreiheit. Korea wird manchmal in einem Atemzug genannt mit Singapur und China, oder es wird von der Koreanisierung der deutschen Datenpolitik gesprochen, das ärgert mich. Man kann unterschiedliche Werte haben, auch in Demokratien.

Zur Person

Daniel Tändler wurde 1980 in Hann. Münden geboren und lebt heute in Seoul, Süd-Korea. Er machte 1999 sein Abitur am Grotefend-Gymnasium Hann. Münden und ging nach seinem Zivildienst nach Korea, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Er studierte VWL in Göttingen und Architektur in Aachen. 2010 ging er nach Korea, wo er sich vier Jahre später mit einer Architekturfirma selbstständig machte.

Von Kim Henneking

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