„Kontakt aufrecht erhalten“

Wie Mündens Partnerstädte den Alltag in Coronazeiten meistern

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Beim Besuch 2019 in Hann. Münden: Monika Szwarocka-Loba (Chelmno), Bürgermeister Harald Wegener, Artur Mikiewicz (Bürgermeister aus Chelmno), Diana Ricomet (Suresnes), Shiran Jacoby (Holon) und Frank Stryga. Das Bild entstand, bevor die Abstandsregel in Kraft trat.

Hann. Münden pflegt seit Jahren Partnerschaften zu den Städten Suresnes in Frankreich, Holon in Israel und Chelmno in Polen. In diesem Jahr muss das jährliche gemeinsame Treffen im Sommer ausfallen.

Die Coronakrise beeinflusst das Leben von Menschen auf der ganzen Welt. Auch viele Städtepartnerschaften leiden unter dem Kontaktverbot. Frank Stryga, Vorsitzender des Vereins für Städtepartnerschaften und internationale Begegnungen in Hann. Münden hält zu den Partnerschaftsbeauftragten der drei Mündener Partnerstädte Suresnes, Holon und Chelmno sowie zu den Bürgermeistern oder anderen Mitarbeitern der Stadtverwaltungen auch in dieser schwierigen Zeit engen Kontakt: „Geplante Begegnungen und Besuche müssen zurzeit ausfallen, darum ist es umso wichtiger, die Kommunikation aufrecht zu erhalten, um mit starken Partnerschaften aus der Krise hervor zu gehen“, so Stryga. Der geplante internationale Jugendaustausch im Sommer kann nicht stattfinden, man hoffe aber noch in diesem Jahr ein Treffen mit allen Beteiligten nachholen zu können. Alle Partnerstädte zeigen sich sehr interessiert daran, den Kontakt aufrecht zu erhalten, erzählt Stryga. Er sagt weiter, dass sich die Mündener in ihrem ländlichen Lebensraum und einem gut organisierten Land glücklich schätzen können. Nicht allen Partnerstädten geht es vergleichbar gut, die Probleme sind vielseitig.

Wachsende Kriminalität und verschobene Wahlen 

Suresnes in Zeiten von Homeoffice, 

Notbetreuung und Kontaktverbot

Von Suresnes aus gut zu sehen: Der Eiffelturm, das Wahrzeichen von Paris.

Zu Beginn der Krise befand sich die Partnerschaftsbeauftragte Diana Ricomet auf einer Reise in Mailand. Für sie bedeutete das nach ihrer Rückkehr sofortige Quarantäne und Homeoffice. Seit mittlerweile acht langen Wochen arbeitet sie von Zuhause. Die Schulen sind auch in Frankreich zum Teil noch geschlossen, erste Schüler besuchen, wie in Deutschland, seit Montag wieder ihr College. In ihren Gesprächen hat Diana Ricomet Frank Stryga von zwei Problemen berichtet, die Suresnes besonders zu schaffen machen: Der Mangel an Perspektiven, wachsende Arbeitslosenzahlen und Integrationsprobleme, gepaart mit Langeweile aufgrund der Einschränkungen führen dazu, dass die Zahl der durch Jugendliche verübten Straftaten in den vergangenen Wochen stark angestiegen sei. Projekte und Förderprogramme für Jugendliche liegen zurzeit auf Eis. Außerdem beschäftigt die Stadt die Ungewissheit, wer künftig im Rathaus das Sagen haben wird. Im März fanden Kommunalwahlen statt. Erstmals ließ sich Bürgermeister Christian Dupuy nach 38 Jahren Amtszeit nicht wieder aufstellen. Keiner der Kandidaten konnte die absolute Mehrheit für sich gewinnen, sodass Stichwahlen angesetzt werden mussten. Die wurden wegen der Coronapandemie abgesagt. Solange es keinen Nachfolger für Dupuy gibt, übt er das Amt des Bürgermeisters weiter aus. Sein Haus hatte er allerdings bereits verkauft und wollte zum jetzigen Zeitpunkt schon seinen Altersruhesitz in Südfrankreich bezogen haben. Die Stichwahlen sollen zwischen Juni und kommendem März stattfinden. „Die Notbetreuung in den Kindertagesstätten, Beschulung und Maskenregeln sind der Situation in Deutschland sehr ähnlich, bis zur Lockerung waren aber die Kontaktmöglichkeiten wesentlich eingeschränkter“, hat Frank Stryga in Gesprächen erfahren. Auch ein „haariges“ Problem teilen sich Franzosen, Deutsche und auch Polen: Friseursalons sind geschlossen, ein Foto aus dem Homeoffice wollte darum niemand schicken.

Früher Shutdown 

Große Familien leben in Holon auf engem Raum

Hochhäuser mit geschlossenem Park in Holon.

"Die Einschränkungen der sozialen Kontakte in Israel sind strenger als in Deutschland“, weiß Frank Stryga. Es dürfen schon seit Wochen keine Menschen mehr zusammen kommen, die nicht im selben Haushalt leben. Dort wiederum wird es für viele ziemlich eng, denn die meisten Familien in Holon sind groß, haben zwischen drei und neun Kinder. Die Baupreise wiederum sind hoch, sodass die meisten Menschen in eher kleinen Mietwohnungen wohnen. „Im Homeoffice arbeiten und gleichzeitig drei Kindern, die alle unterschiedliche Klassen besuchen, Hilfe beim Lernen anbieten, ist keine leichte Aufgabe“, sagt Frank Stryga. Darum würden in vielen Haushalten die Nerven blank liegen, wird ihm aus Israel berichtet. Das Land hat früh mit dem Shutdown begonnen, Häfen und Flughafen geschlossen und sich nach außen abgeschottet. Dass die Zahl der Infizierten trotzdem hoch ist, liege daran, dass viele ultra-orthodoxe Gemeinden sich anfänglich weigerten, den Anordnungen zur Pandemie-Bekämpfung zu folgen. In diesen Gemeinden sind die Zahlen der Infizierten weitaus höher als im Landesschnitt, wodurch der Unmut gegen die streng religiösen Gruppen wächst und zusätzlich für Unruhe in einer schwierigen Zeit sorgt.

Lernen ohne Internet 

Herausforderung für Schüler und Lehrer in Chelmno

In Chelmno hilft die Feuerwehr mit Einkaufsdiensten in Zeiten von Corona.

Auch in der polnischen Partnerstadt sind die Schulen geschlossen. Allerdings ist das Lernen zuhause für die Schüler eine weitaus größere Herausforderung als es in Deutschland, Frankreich oder Israel der Fall ist. „Viele Familien haben weder den notwendigen Internetanschluss noch das passende Endgerät“, erklärt Frank Stryga. Darum müssen viele Schüler trotzdem regelmäßig zur Schule gehen, um sich ihr Arbeitsmaterial abzuholen. Videokonferenzen oder Hilfe über Chats gibt es nur für wenige Kinder. Auch das öffentliche Gesundheitssystem ist nicht so gut aufgestellt wie in Deutschland: „Polen versucht darum, die Krise möglichst klein zu halten – bisher mit Erfolg“, so Stryga weiter. Viele Menschen haben Schwierigkeiten die Entscheidungen der polnischen Regierung nachzuvollziehen: Ein Mundschutz muss beispielsweise immer getragen werden, sobald man das Haus verlässt. Das Verlassen des Hauses darf allerdings nur mit gutem Grund passieren. Auch finanziell stehen die Freunde aus Chelmno vor großen Herausforderungen. „Unter den Schwierigkeiten des Haushalts in Chelmno werden voraussichtlich vor allem soziale Einrichtungen leiden“, befürchtet Stryga. Darum will der deutsche Partnerschaftsbeauftragte mit Mitstreitern auch so schnell wie möglich nach Polen fahren, um sich in einer der nächsten Sitzungen des Stiftungsrats hinter die Jugendbegegnungsstätte zu stellen. Ein Vorteil der Partner aus Chelmno ist ihre Naturnähe. Die Einwohner sind froh, seit einer Woche wieder die Erlaubnis zu haben, in ihren Wäldern spazieren gehen zu dürfen.

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