Bücher aus der Region

Interview: Autor Dr. Mulle zum Roman „Das Lied der Krähe“

Eine Krähe fliegt mit einer Nuss im Schnabel
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Eine Krähe spielt die Hauptfigur im Roman des Hedemündener Autors (Symbolbild).

In der Serie „Bücher aus der Region“ stellen wir Autoren und ihre Werke vor, die einen Bezug zu Südniedersachsen haben. Im Interview: Martin-Ulrich Harbort alias Dr. Mulle.

Der Roman „Das Lied der Krähe“ erzählt die Geschichte einer Krähe im 19. Jahrhundert an der hessisch-niedersächsischen Grenze. Ein Pastorensohn päppelt den verletzten Vogel auf, der führt seine menschlichen Freunde zusammen.

Herr Harbort, Sie beschreiben Ihr Buch als einen „fiktiven Roman“. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Es gab vor Jahren diesen Gedanken: Warum sind Krähen eigentlich Singvögel? Wenn man sie einmal krächzen hört, weiß man, dass sie nicht singen können. Dann hat sich in meinem Kopf eine Geschichte aufgebaut. Ich habe abends lang gesessen und die verschiedenen Kapitel ausgearbeitet. Als ich 2019 sechs Wochen Urlaub bekommen habe, habe ich das genutzt, um zu schreiben.

Dennoch gibt es Parallelen zu Ihrem Leben...

Die Krähe hat mein Vater gefunden, als ich etwa 13 Jahre alt war. Sie hatte einen gebrochenen Flügel. Wenn mein Vater ein verletztes Tier gefunden hat, hat er es mit nach Hause gebracht. Die Krähe war dann König im Hinterhof. Das war das beste Haustier, das ich jemals hatte – und ich hatte so ziemlich jedes, das man sich vorstellen kann. Mein Vater hat die Krähe Abraxas getauft. Da musste ich recherchieren, woher der Name kommt, um die Verbindung zum Buch „Die kleine Hexe“ zu vermeiden. Der Charakter der Krähe ist im Buch so, wie ich es erlebt habe. Die Personen und alles weitere ist frei erfunden.

Warum schreiben Sie aus der Perspektive des Vogels?

Ich habe versucht, mich in den Raben hineinzuversetzen. Letztendlich um die Perspektive weg vom Menschen hin zum Tier zu setzen und auf die ganzen komischen Sachen, die ein Mensch so macht. Ich habe über das Buch auch Kontakt zu Krähenforschern bekommen. Es wird sehr viel Menschliches auf Tiere projiziert. Letztendlich sind es Wildtiere. Zwar intelligente Tiere, aber die Gefühle, von denen wir denken, dass sie sie haben, können nicht nachvollzogen werden.

Warum haben Sie das Buch in der Region Hann. Münden verortet?

Ich bin mit Hannoversch Münden verbunden, das ist immer noch meine Heimat. Ich bin ja in Hedemünden aufgewachsen und dort ist die hessische Grenze circa 200 Meter Luftlinie über die Werra entfernt. Der Lokalpatriotismus, der daraus erwächst, zeigt sich unter anderem daran, dass statt einem Wetterhahn das Niedersachsenross den Kirchturm ziert. Wenn ein Schulkind am Gymnasium den hessischen Akzent durchblicken ließ, war es gleich abgestempelt. Diese Abgrenzung hat mich geprägt und ist dann in stark übertriebener Form in das Buch eingeflossen. Denn die mehr oder weniger willkürlichen Grenzen, werden von Menschen betont. Einer Krähe hingegen sind sie egal, die fliegt einfach drüber weg.

Warum lassen Sie die Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts spielen?

Das war der Gedanke an die Singvögel. In Deutschland gibt es für alles ein Gesetz, eine Norm oder Verordnung. Darum habe ich meine Geschichte darauf aufgebaut, dass es irgendwann mal eine Singvogel-Verordnung gegeben haben muss, um die Vögel zu schützen. Ich hab mir halt gedacht, bei den Krähen- und Rabenvögeln muss es einen bürokratischen Fehler gegeben haben, und dass das dann nicht aktuell, sondern in früherer Zeit geschehen sein muss. Das ist alles fiktiv.

Über Dr. Mulle

Martin-Ulrich Harbort (48) ist in Hedemünden aufgewachsen und lebt heute in Dortmund. Der IT-Projektmanager singt in seiner Freizeit in einer Band.

Rezension zu „Das Lied der Krähe“

Der 170 Seiten lange Roman verbindet die Kindheitserinnerungen des Autors an ein außergewöhnliches Haustier mit einer fiktiven Geschichte. Die Erzählung ist in der Region Hann. Münden verortet, historisch akkurat ist sie aber nicht. Einige Orte wurden verfremdet, sind aber wiederzuerkennen. Das Buch wurde ursprünglich für den Vater geschrieben. So liest es sich locker, alltagssprachlich und mit manchen Schimpfwörtern. Wer mal einem Tier Gedanken zugeschrieben hat, findet sie in denen des Rabens wieder. 

Weitere Interviews mit Autoren aus der Region Südniedersachsen gibt es mit Renate Tebbel über „Die grüne Schatulle“ und Jorina Clara Havet zu „Der kleine Farnkobold“.

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