Vor 70 Jahren fielen Bomben: Der Tag, als Speele lichterloh brannte

Aufräumarbeiten: August Schreiber und dessen Schwiegervater August Brandenstein räumen Schutt auf einen Leiterwagen. Unser Bild zeigt im Hintergrund die Kirche, links das damalige Haus Brandenstein (heute Poststraße 10), das Haus rechts dahinter (heute Poststraße 12) bewohnte damals die Familie Messerschmidt. Foto: Ortsheimatpflege Speele

"Auf einmal rief einer Speele brennt." Ingeborg Friedel hat die Bilder auch nach 70 Jahren immer noch im Kopf. „Als ich ins Dorf runter kam, brannte unsere Scheune schon lichterloh und auch aus unserem Haus schlugen schon Flammen."

Zusammen mit ihrer Mutter Marie Winneknecht hatte Ingeborg Friedel, sie war damals 15 Jahre alt, nach dem Fliegeralarm am Morgen des 18. Oktober 1944 wie viele andere Speeler in einem Bunker unter der Bahnlinie Schutz gesucht. „Wir haben unsere Tasche mit Papieren, Geld und etwas Wäsche, die immer bereit stand, gegriffen und liefen los.“ Dicht gedrängt auf Bänken saßen dort etwa fünfzig Speeler. Andere hatten sich in Stollen geflüchtet, die als Schutzräume an mehreren Stellen der Ortes in Böschungen angelegt worden waren.

Total zerstört: Unser Bild zeigt Karl Mund, der auf den Resten seines Hauses Speele Nr. 4, heute: Schürenküppel 1, steht. Im Hintergrund sind die Reste des Hauses zu sehen, das damals der Familie Fettmilch gehörte. Foto: Ortsheimatpflege Speele

Die Hoffnung, dass die Bomber Speele auf dem Weg nach Kassel nur überfliegen würden, erfüllte sich an diesem Mittwoch nicht. Um kurz nach elf schlugen die ersten Bomben ein. 14 Minuten dauerte das Bombardement, danach war die Hälfte der Häuser in Speele zerstört oder schwer beschädigt. Vor allem das Unterdorf brannte.

Im Bunker hörten die Menschen die Einschläge und das Krachen der berstenden Gebäude. „Angst hatte ich schon.“ Dennoch rannte Ingeborg Friedel, als keine Bomben mehr fielen, sofort raus aus dem Bunker und runter in die Dorfstraße, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Als einer der ersten kam sie an.

Sie hat Bilder immer noch in Kopf: Ingeborg Friedel war 15, als die Bomben auf Speele fielen und ihr Elternhaus zerstörten. Heute ist sie 85 Jahre alt. In der Hand hält sie einen Band mit Fotos von damals.  Foto: Maaß

Ohne zu überlegen, lief sie in das Haus, obwohl der Dachstuhl schon in Flammen stand, um zu retten, was zu retten war. Niemand war da, der das Mädchen davon abhielt, sich in solch eine Gefahr zu bringen. Als die 15-Jährige die Treppe im Haus hochlief, fiel ihr vom Dachboden eine Brandbombe direkt vor die Füße. Aber sie hatte Glück. Sie griff noch rasch die Federbetten, warf sie in den Hof und rannte raus. Später gelang es noch mit Helfern, Teile der Möbel aus dem Gebäude zu holen. Das Haus selbst war wie viele andere nicht mehr zu retten. Die Feuerwehr konnte kaum etwas ausrichten. Die Leitungen waren zerstört, das Löschwasser musste aus der Fulda geholt werden, herum liegende Blindgänger erschwerten die Arbeiten. Zudem waren die meisten Männer des Ortes im Krieg, so wie der Vater von Ingeborg Friedel.

Die erste Nacht verbrachte die 15-Jährige mit ihrer Mutter bei Nachbarn gegenüber, deren Haus wie durch ein Wunder nicht getroffen worden war wie die meisten Häuser ringsum. Danach kam die Familie Friedel bei Bekannten unter, wo sie zwei Zimmer bezogen. Alle Speeler haben sich damals untereinander geholfen, erinnert sich Ingeborg Friedel.

„Als ich ins Dorf runter kam, brannte unsere Scheune schon lichterloh und auch aus unserem Haus schlugen schon Flammen.“

Ihr Haus musste später abgerissen werden. Als ihr Vater 1945 nach Hause kam, baute die Familie es wieder auf, 1947 konnte sie wieder einziehen. Bis heute lebt Ingeborg Friedel, die heute 85 Jahre alt ist, dort. Erst mit ihren Eltern, später wohnte in dem Haus auch ihre eigene Familie. Mit ihrem Mann Heinz Friedel, der 2008 gestorben ist, hat sie drei Kinder.

Tote und Verletzte hat es bei dem schweren Angriff in Speele nicht gegeben, aber 42 Häuser wurden zerstört. (ems)

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