Ein Mündener, dem seine Heimatstadt viel zu verdanken hat: Zum Tode des ehemaligen Stadtbildpflegers Heinz Hartung

Er kannte jeden Stein und Balken

So bleibt er in Erinnerung: Heinz Hartung, der Mündener Grafiker und Heraldiker, langjährige Stadtbildpfleger und ehrenamtliche Ortsheimatpfleger. Der Verstorbene war zudem Mitbegründer des Heimat- und Geschichtsvereins Sydekum und des Mündener Kulturrings. Hartung wurde für sein vielfältiges Wirken mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Niedersächsischen Verdienstkreuz und der Ehrenbürgerwürde der Stadt Hann. Münden. Archivfoto: Schmidt

Hann. münden. Es gibt diese Sätze, die mit einem einfachen Bild alles sagen können. „Fragen Sie mal Heinz Hartung“, beginnt einer von ihnen. „Der kennt jeden Stein und jeden Balken beim Vornamen.“

Was so augenzwinkernd-salopp daherkommt, drückt Respekt und Bewunderung aus für einen Mann, der über das historische Münden Bescheid wusste wie kein zweiter. Früh schon erkannte er den zeitlosen Wert eines in Jahrhunderten gewachsenen Stadtbildes, sicherlich auch geprägt durch seinen Vorgänger, Freund und Mentor, den Mündener Maler und Stadtbildpfleger Alfred Hesse.

Mitte der 60er-Jahre, als es überall in Deutschland um die Zukunft verfallender Altstädte ging, gehörte er zu den ersten, die sich vehement gegen radikale Flächensanierungen stemmten. Sprich: den Abriss ganzer Areale geschichts-trächtiger Bauwerke mit ihren ortstypischen Bau- und Schmuckelementen, die andernorts nicht selten durch Neubauten in fragwürdigem Stil ersetzt wurden. Heinz Hartung sah schon damals voraus: Wer dieses Erbe zerstört, zerstört unwiederbringlich auch die sichtbare Geschichte seiner Stadt und ihre Unverwechselbarkeit. Und er tauscht ihre Individualität ein gegen Beliebigkeit. Dass Münden diesen Weg im Großen und Ganzen vermieden hat (auch wenn nicht Alles im alten Stadtkern zu retten war), dass es zu einem deutschen Modell für vorbildliche Stadtsanierung wurde und ein beliebtes Reiseziel von Menschen aus aller Welt, ist auch ein Verdienst Heinz Hartungs.

Gleichwohl war dieser andere Weg kein Spaziergang. Er erforderte Kampfgeist und langen Atem, Scharfsinn und Hingabe, Überzeugungskraft und Durchsetzungsfähigkeit. Heinz Hartung besaß all das.

Zugegeben: Nicht jeder Hausbesitzer war erfreut, wenn der Stadtbildpfleger bei der Sanierung mitredete und seine Vorstellungen äußerte – als wenn Denkmalschutz nicht schon aufwändig und teuer genug wäre. Doch fast immer gelang es ihm, die Eigentümer auf seine Seite zu ziehen. Wenn er argumentierte, dann zwar eindringlich, aber auch mit einer gewissen Ruhe und Gelassenheit. Schmunzelnd erzählte ein Weggefährte, wie Heinz Hartung einen Hausbesitzer zehn Jahre lang geduldig „bearbeitete“, bis der Mann sein Gebäude so restaurieren ließ, wie es der Stadtbildpfleger für Münden angemessen befand.

Heinz Hartung wurde nie müde, Menschen zum genauen Hinschauen zu bewegen. Ob es die Stadtväter waren, die Entscheidungen zu treffen hatten, interessierte Mitbürger, die seinen Rat suchten, die Stadtführerinnen und Stadtführer, die er mit Sorgfalt schulte, Besucher, mit denen er ins Gespräch kam, Rundfunk- und Fernsehteams, vor deren Mikrofonen und Kameras er stand und sein Münden vorstellte – sachkundig, farbig, in geschliffenen Sätzen: Er machte die Steine und Balken lebendig, die Farben und Ornamente, die Hausnummern und Inschriften der Altstadt.

Wer Heinz Hartung zuhörte, kam aus dem Staunen nicht heraus. Er war ein wandelndes Bau-, Stil- und Geschichtslexikon, ein personifiziertes Gedächtnis der Stadt. Sein Wissen schien unerschöpflich.

Vieles, was ihm bedeutsam schien, hielt er in Schriften, Bildern und Grafiken fest, etwa in dem Büchlein „Mündener Türen, Tore und Portale“, das anschaulich zeigt, welch ein Schatz allein die Fülle der reich verzierten Hauseingänge aus vielen verschiedenen Epochen sind. Zeichnungen und Gemälde von ihm schmücken manchen Kalender und manche Mündener Wohnzimmerwand, Wappen und Signets zieren ungezählte Briefköpfe und Broschüren.

Wer Heinz Hartung zuhörte, kam aus dem Staunen nicht heraus. Er war ein wandelndes Bau-, Stil- und Geschichtslexikon, ein personifiziertes Gedächtnis der Stadt. Sein Wissen schien unerschöpflich. Und was er nicht aus dem Kopf parat hatte, zog er mit einem Handgriff aus seinem gut organisieren Archiv. Unerschöpflich schien auch seine Energie zu sein. Noch mit Anfang 80 schritt er federnd durch die Straßen wie ein Junger.

Nun hat eine schwere Krankheit dieses reiche Leben beendet. Am vergangenen Mittwoch erst hatte er seinen 90 Geburtstag gefeiert, im Altenheim Hermannshagen, wo er zuletzt zusammen mit seiner Frau wohnte – unsere Zeitung berichtete ausführlich. Und es war, als hätte er für diesen einen großen Tag noch einmal alle verbliebene Kraft mobilisiert. Er freute sich über die Würdigungen seines Wirkens und beeindruckte die Gratulanten mit einer Rede, die so klar und druckreif war wie eh und je.

Am Sonntag schlief Heinz Hartung friedlich ein.

Von Axel Schmidt

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