Szenische Lesung „Korczak und die Kinder“ im Grotefend-Gymnasium

Lachende Gesichter und eine Lüge

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Gebannt verfolgten die Schüler des Grotefend-Gymnasiums die szenische Lesung „Korczak und die Kinder“: Die Schauspieler des JT Göttingen, Jan Reinarzt und Jacqueline Mendel, lasen aus Erwin Sylvanus Bühnenstück vor. Die Veranstaltung wurde von der deutsch-polnischen Gesellschaft Göttingen im Grotefend-Gymnasium Hann. Münden organisiert. 

Hann. Münden – Es rummst im Projektionsraum des Grotefend-Gymnasiums: Schauspielerin Jacqueline Mendel stößt einen kleinen Turm aus Bauklötzchen, den sie vor sich aufgebaut hat, weg. Die Schüler der 10. Klassen der Schule zucken zusammen. Jetzt ist Krieg, jetzt wird zerstört – so beginnt die szenische Lesung von Jacqueline Sophie Mendel und Jan Reinartz, Schauspieler des Jungen Theaters Göttingen, auf Initiative der deutsch-polnischen Gesellschaft Göttingen.

Ihr Stück: Erwin Sylvanus Holocaust-Drama „Korczak und die Kinder“, ein Buch über die letzten Tage des polnischen Arztes Janusz Korczak, Leiter eines jüdischen Waisenhauses in Warschau, der mit circa 200 Kindern in ein Vernichtungslager transportiert wird und dort 1942 freiwillig mit ihnen in den Tod geht.

Korczaks Geschichte, aufgearbeitet von dem deutschen Schriftsteller Sylvanus in den 1950er-Jahren zu einem Bühnenstück und nach einer Fassung von Jan Reinarzt, handelt von Not, Hunger, Überleben.

Es geht auch um Absprachen und Bitten, Befehle, Zwiespalt, Hoffnungsschimmer, Gewissensfragen und fatale Entscheidungen – und es handelt von einer Lüge. Janusz Korczak tut alles, um die Kinder in seiner Obhut vor dem Wissen, was sie mit dem Transport in das Lager Treblinka erwarten wird, zu bewahren. Dafür verzichtet er auf die eigene Rettung vor dem Tod und belügt die Kinder und seine Mitarbeiter.

Es war keine statische Lesung: Die Schauspieler arbeiteten– wenngleich sitzend –mit ausdrucksstarker Mimik, mit lebendiger Gestik und sich ändernder Körperspannung, jeder Szenen- und Figurenwechsel wird dem Publikum so kenntlich gemacht.

Gespräche zwischen Korczak und einem Offizier, mit Soldaten, Mitarbeitern des Waisenhauses sowie Worte des Erzählers geben einen kurzen, dafür aber einprägsamen Einblick in die Tragödie, die exemplarisch für etliche andere zur Zeit des Nationalsozialismus in Europa steht.

Die Waisenkinder kommen nicht zu Wort – anders als in Sylvanus Bühnenstück, das in Göttingen 1958 und 1978 inszeniert wurde, in dem ein Kind munter während der Handlung mit Bauklötzchen spielt.

Die Göttinger Schauspieler behalfen sich nun in der Mündener Schule mit Bildern von Roman Vishniac, die in einer Diashow abgespielt wurden.

Der Fotograf hatte das jüdische Leben in Osteuropa vor dem Nationalsozialismus mit der Kamera eingefangen. Die unschuldigen, lachenden Kindergesichter sorgen für einen aufrüttelnden Kontrast zur Lesung nach Brecht’scher Manier. Verstärkt wird dieser Effekt weiter, als Mendel zum Schluss die Anzahl der getöteten Waisenkinder und ihre Alter nennt, den Blick fest ins Publikum gerichtet, während die Zahlen in diesem erbarmungslosen Countdown immer niedriger werden.

„Die Lesung macht betroffen“, erklärt Schulleiterin Heidrun Korsch, „aber sie bringt den Schülern die tragische Geschichte, die trübe, finstere Erinnerung an die deutsch-polnische Geschichte näher.“

Pädagoge, Arzt und Schriftsteller

Janusz Korczak wurde nach Angaben der Deutschen Korczak-Gesellschaft 1878 oder 1879 als Henryk Goldszmit in Warschau geboren. Er war als Arzt, Pädagoge und Schriftsteller tätig und formulierte Grundrechte für Kinder, die er in seiner pädagogischen Praxis umsetzte. Seine Arbeit ist bis heute als „Pädagogik der Achtung“ von Kindern bekannt. Korczak studierte Medizin und arbeitete ab 1906 als Arzt in einer Warschauer Kinderklinik, bis er sich, so die Deutsche Korczak-Gesellschaft, „ganz der „Sache des Kindes“ verschreibt“. 1912 eröffnete Korczak das jüdische Waisenhaus „Dom Sierot“ (Haus der Waisen) in Warschau, das er 30 Jahre lang leitete. 

Außerdem betreute er zusammen mit der Lehrerin Maryna Falska das Waisenhaus für polnische Kinder „Nasz Dom“ (Unser Haus). Korczaks Credo war „Kinder werden nicht erst zu Menschen, sie sind es bereits“. Danach gestaltete er sein Erziehungsprogramm, das unter anderem Formen demokratischen Zusammenlebens mit Kinder (Kinderparlament, Kameradschaftsgericht und anderes mehr) erprobte.

Nach der Besetzung Polens zog Korczak mit den Kindern des jüdischen Waisenhauses ins Getto um.

Im August 1942 wurden Korczak, seine engen Mitstreiter und weitere Mitarbeiter sowie über 200 Kinder in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet. 

janusz-korczak.de

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