Wasserschutzfördernde Gräser sollen umgepflügt werden

Gefahr für Trinkwasser: Wasserschützer und Bauern in Sorge

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Kämpfen gemeinsam für den Wasserschutz (v. l.): Achim Hübner (Geschäftsführer Landvolk), Heidi Bouws (Wasserschutz Landwirtschaftskammer Niedersachsen), Landwirte Burckhard Bleyer und Ralf Bartens, Trinkwasserschutzberater Carsten Drewes sowie die Landwirte Henning Bunzendahl und Reinhard von Werder.

Bördel. Landwirte und Wasserversorger in der Region sind gemeinsam in großer Sorge.

Durch die komplexen neuen Regelungen im Agrarförderungsbereich droht, dass Landwirte in den Wasserschutzgebieten im Landkreis Göttingen mehrere Hundert Hektar Ackerland, das bislang wasserschutzförderlich mit Graspflanzen bewachsen ist, umpflügen müssen, wenn sie auf ihren Flächen keinen massiven Wertverlust erleiden wollen.

„Wir sehen das hier als letzten Hilfeschrei, um etwas zu verhindern, das gegen den Willen von Landwirten, Gesellschaft und Wasserversorgern ist. Denn für den Wasserschutz wäre das eine Katastrophe“, sagte Achim Hübner, Geschäftsführer beim Landvolk Kreisverband Göttingen, am Mittwoch bei einem eilig anberaumten Vor-Ort-Termin nahe Bördel im Wasserschutzgebiet Tiefenbrunn. „Wenn es keine rechtsverbindliche Klarstellung gibt, dann werden die Landwirte gezwungen sein, gegen jede Vernunft, gegen ihren Willen und ihre eigenen Wasserschutzbemühungen innerhalb der nächsten Wochen ihre Flächen umzupflügen. Im Boden wird dadurch Nitrat freigesetzt - und das finden wir dann ein Jahr später im Trinkwasser wieder.“

Laut Carsten Drewes, Wasserschutzberater bei „Geries Ingenieure GmbH“ aus Reinhausen, konnte vielerorts die Nitratbelastung im Trinkwasser dadurch um fünf bis zehn Milligramm pro Liter gesenkt werden, sodass der kritische Nitrat-Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter Trinkwasser überall in der Region deutlich unterschritten wird. Diese freiwilligen Vereinbarungen zum Trinkwasserschutz seien ein Erfolgsmodell.

Werden in den nächsten Wochen Grasflächen im Wasserschutzgebiet umgepflügt werden müssen? Landwirte und Wasserversorger sind besorgt. 

Doch genau diese Freiwilligkeit könnte den Landwirten jetzt zum Verhängnis werden. Eine neue Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs besagt, dass Ackerland, auf dem über fünf Jahre ununterbrochen Graspflanzen wachsen, dadurch automatisch zu sogenanntem Dauergrünland wird. Damit aber würde dem Landwirt nicht nur die Möglichkeit genommen, künftig die Flächen zum Anbau von Getreide zu nutzen, sondern es ginge auch ein massiver Wertverlust einher: Grünland ist nur etwa die Hälfte wert im Vergleich zu Ackerland. Bei der landwirtschaftlichen Betriebsgemeinschaft Hoher Hagen etwa, bei denen rund 100 Hektar Fläche betroffen sind, beziffert sich der mögliche Wertverlust auf einen hohen sechsstelligen Bereich. „Das käme einer Enteignung gleich“, so Hübner. Die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, sei das Pflügen und die anschließende Aussaat von Ackerfrüchten auf den Flächen. „Das will weder der Landwirt noch der Wasserversorger.“

Seit fünf Jahren weise man die Landesregierung auf die Problematik hin, bisher erfolglos. Die Reichweite sei enorm, so Hübner, weil die meisten Landwirte neben ihren eigenen Flächen rund die Hälfte ihrer Flächen von anderen Eigentümern gepachtet hätten: „Wie erklären Sie das ihrem Verpächter, wenn dieser Ihnen Ackerland anvertraut hat und Grünland zurückbekommt?“

Von Christian Mühlhausen

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