Erzeuger brauchen faire Bezahlung

Strengere Gülle-Verordnung und die Folgen

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Ein Landwirt bringt mit seinem Gespann Gülle auf einem Feld in Velgen im Landkreis Uelzen aus. (Symbolbild)

Statt der von der EU-Kommission geforderten pauschalen Verringerung der Düngung um 20 Prozent haben sich die Ministerien auf etwas anderes verständigt.

Sie wollen die Verschärfung nur in den „roten Gebieten“ mit besonders hohen Nitratwerten umsetzen. Damit gibt es nach dem monatelangen Streit einen Kompromiss zwischen dem Umwelt- und dem Landwirtschaftsministerium zur Düngeverordnung. Sollte sich die EU-Kommission darauf einlassen, hätte die Verschärfung kaum Auswirkungen auf den Landkreis Göttingen, da sich die roten Gebiete vorwiegend in Nord- und Süddeutschland befinden. 

Während die Tierbesatzdichte in Niedersachsen bei 2,5 Großvieh pro Hektar liegt, sind es im Landkreis Göttingen laut Achim Hübner vom Kreisbauernverband gerade einmal 0,3 Großvieh auf einem Hektar – Tendenz fallend. „Wenn das so weiter geht, sind wir bald viehlos“, sagt Hübner. Für viele regionalen Ansätze sei das furchtbar, da so nur noch mit wenigen Produkten regional versorgt werden könne. Er schätzt, dass es aktuell noch rund 80 Betriebe mit Milchviehhaltung im Kreis gibt. 

Aktuelle Auflagen, wie der Bau von Silageplatten und Güllelagern, würden viele zum Aufgeben zwingen und den Strukturwandel verstärken. Zur neuen Verordnung sagt Hübner: „Die bisherigen Nachbesserungen sind sehr jung und sollten erst einmal wirken.“ Dass grundsätzlich etwas getan werden müsse, stünde außer Frage. Nur „zielgerichtet“ und „umsetzbar“ müsse es sein.

Angesprochen auf die wenigen roten Gebiete in Südniedersachsen sagt Ricarda Prüßner von der BUND-Kreisgruppe Göttingen: „Die derzeitigen Kooperationen zwischen Landwirten, Gewässerschutz und anderen Partner werden gut angenommen und umgesetzt.“ Man wisse, dass man auf dem richtigen Weg sei, dennoch gebe es viel zu tun. Dies betreffe aber nicht allein die Landwirtschaft, sondern auch den Schutz und die Renaturierung der heimischen Gewässer.

Um EU-Strafzahlungen abzuwenden, muss Deutschland bei den Düngeregeln nachbessern. Wir sprachen mit dem Kreisbauernverband, dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) über das Thema.

„Auch im Landkreis Göttingen haben wir mit dem Seeburger See ein rotes Gebiet, allerdings wegen Phosphat“, sagt Achim Hübner vom Kreisbauernverband. Grundsätzliche gebe es Problemlagen, die Ursachen seien allerdings vielfältig. „Die roten Gebiete korrelieren nicht immer mit den viehstarken Regionen“, sagt Hübner. Man solle sich die Diskussion nicht zu einfach machen und immer nur die Landwirtschaft als Schuldigen ausmachen.

Zur neuen Verordnung

„Die derzeit vorliegende Düngeverordnung des Bundes löst die Nährstoffüberschussprobleme speziell in Niedersachsen, dem Hauptverursacherland für die Nährstoffüberschüsse, nicht“, sagt Tilman Uhlenhaut vom BUND. Besonderes Augenmerk müsse darauf gelegt werden, nicht nur einen kleinen Ausschnitt der Problemregionen als rote Gebiete zu beschreiben. „Das wird sonst der besonderen Gefahr für unser Trinkwasser nicht gerecht und beschwört schon die nächste Auseinandersetzung mit der EU“, sagt Tilman Uhlenhaut.

„Mit der Fülle an Ausnahmen, die Bund und Länder eingebaut haben, wird die EU-Kommission den Vorschlag nur schwer akzeptieren können“, sagt Philip Foth vom Nabu-Landesverband Niedersachsen. Vor allem die Ausnahmen für das Grünland seien katastrophal: „Dass Wiesen und Weiden pauschal aus der 20-prozentigen Abschlagsregelung ausgeklammert werden, ist mit Blick auf das Insektensterben nicht zu verantworten“, sagt er. Nun drohten Wiesen und Weiden zu Endlagern für Gülle zu werden.

Die Zukunft

„Richtig ist auch aufgrund unserer Erfahrung, dass Bauern mit dem Druck bezüglich maximaler Erträge in Tierhaltung und Ackerbau und der Übernutzung der natürlichen Ressourcen unglücklich sind, aber sich aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen fühlen“, sagt Tilman Uhlenhaut vom BUND. Der wirtschaftliche Druck, Standortbesonderheiten, Beratung und verkehrte politische Signale hätten laut Uhlenhaut die Bauern in die Spezialisierung und zunehmend auf den Weltmarkt orientiert.

Neben einer Reform der europaweiten Agrarpolitik – weg von Flächenprämien für Großbetriebe hin zur Förderung umweltverträglicher Landwirtschaft von klein- und mittelständischen Betrieben – seien auch die Konsumenten entscheidend. „Durch unsere Kaufentscheidung können wir beeinflussen, welche Produkte auf den Markt kommen und welche nicht“, sagt Ricarda Prüßner von der Göttinger BUND-Kreisgruppe.

Verhalten müsse sich ändern

„Dazu sollten Konsumenten wieder eine Verbindung zur Landwirtschaft in ihrer Region aufbauen und sich bewusst werden, welches Geld sie wofür ausgeben“, sagt Prüßner. Ökologisch, kleinbäuerlich und regional produzierte Lebensmittel würden das Klima, die Wirtschaft und die Natur der Region schützen, lieferten jedoch kein Billigfleisch oder Südfrüchte zu allen Jahreszeiten.

In eine ähnliche Richtung stößt auch der Nabu: „Die EU muss weg vom Gießkannenprinzip und Natur- und Klimaschutz mit einer Reform der milliardenschweren Subventionen endlich verbindlich in der europäischen Agrarpolitik verankern“, sagt Foth. Es müsse ein Wandel zu einer Landwirtschaft mit hohen Umweltstandards, fairen Preisen und zusätzlichen Einkommen für Naturschutzleistungen erfolgen. 

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