Baubranche brummt wie lange nicht

Mehr „Kies“ für Bauarbeiter im Landkreis: Gewerkschaft fordert Lohnplus

Landkreis Göttingen. Die Bauwirtschaft brummt – und das sogar so gut, dass öffentliche Auftraggeber schon Schwierigkeiten haben, Firmen für ihre Vorhaben zu finden (wir berichteten).

Für das Jahr 2017 erwarte die Branche einen Rekordumsatz von 110 Milliarden Euro, berichtet die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU).

Davon soll nach dem Willen der Gewerkschaft auch bei den Beschäftigten etwas ankommen: „Mehr Kies“ für 2070 Bauarbeiter aus dem Kreis Göttingen fordert die Gewerkschaft daher, ein Lohnplus für Maurer, Zimmerer, Straßenbauer und Co.

In der anstehenden Tarifrunde verlangt die IG BAU eine Lohnerhöhung von sechs Prozent über zwölf Monate. Ein Facharbeiter hätte damit am Monatsende gut 200 Euro mehr auf dem Lohnzettel, so die IG BAU Niedersachsen-Süd.

„In der Bauwirtschaft läuft es so gut wie seit Jahren nicht mehr. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind prall gefüllt – oft kommen sie mit dem Bauen kaum hinterher“, sagt Bezirksvorsitzender Torsten Witt.

Umsatz-Plus

Torsten Witt

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts verzeichnete die Branche in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres ein Umsatz-Plus von 5,7 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Bereits für 2016 habe die Behörde einen Rekordumsatz von 107 Milliarden Euro gemeldet. Witt: „Es ist höchste Zeit, dass die Bauarbeiter, die den Bau-Boom erst möglich machen und ihren Betrieben mit steigenden Umsätzen Rekordgewinne bescheren, davon auch etwas im eigenen Portemonnaie merken.“ So fordert die IG BAU neben dem Lohnplus auch ein volles 13. Monatseinkommen. Außerdem sollen Firmen die Ausbildungskosten komplett übernehmen und die Fahrt zur Baustelle als Arbeitszeit vergüten. „Nur, wenn die Bauwirtschaft bei den Arbeitsbedingungen attraktiver wird, können wir den Trend zum Fachkräftemangel stoppen und umkehren“, so Gewerkschafter Witt. Die Tarifverhandlungen beginnen am 7. Februar in Wiesbaden.

Nachfrage an Arbeitskräften gestiegen

Die Nachfrage nach Arbeitskräften im Bau- und Ausbausektor sei gestiegen, sagt Christine Gudd, Sprecherin der Agentur für Arbeit Göttingen, auf HNA-Anfrage. Sie nennt dazu Zahlen aus der Statistik: Im Jahr 2017 wurden der Agentur, die für die Landkreise Göttingen und Northeim zuständig ist, 16 178 offene Stellen in dieser Branche gemeldet, das seien 9,7 Prozent mehr als im Jahr 2016. Im Altkreis Münden waren es im vergangenen Jahr 1331 gemeldete Stellen, 33,4 Prozent mehr als noch im Jahr 2016. 

Die Arbeitsagentur rechnet verschiedene Berufsgruppen in diese Zahlen ein, zum Beispiel die Gruppe „Bau, Architektur, Vermessung, Gebäudetechnik“ (1110 offene Stellen voriges Jahr), Hoch- und Tiefbauberufe (280), (Innen-)Ausbauberufe (430 offene Stellen) und Gebäude- und versorgungstechnische Berufe (341 offene Stellen 2017). Die durchschnittliche Nachfrage nach Fachkräften und Spezialisten sei dabei ebenso gestiegen wie die nach Helfern. Im Helferbereich sei es rein rechnerisch noch gut möglich, die Stellen zu besetzen: Beispielsweise kamen im vorigen Jahr auf 43 gemeldete Stellen im Berufsbereich Architektur, Vermessung, Gebäudetechnik 413 Arbeitslose. 

Allerdings heiße das noch lange nicht, dass alle Stellen auch tatsächlich besetzt werden konnten, denn im Landkreis sind die Wege weit: „Ein Arbeitsloser ohne Pkw aus Zorge kann einen Arbeitsplatz in Staufenberg nur schwer erreichen. Und oftmals werden auch an Helfer seitens der Betriebe gewisse Grundkenntnisse und Erfahrungen vorausgesetzt, die nicht immer zu dem Profil des Bewerbers passen“, so Christine Gudd. Die Situation auf der Seite der Fachkräfte, Spezialisten und Experten: Hier waren im vergangenen Jahr durchschnittlich im Bestand 547 Arbeitslose gemeldet, auf die wiederum durchschnittlich 250 gemeldete Stellen kamen. Das bedeute per Definition: Fachkräftemangel. „Bei einem Verhältnis von unter fünf arbeitslosen Bewerbern auf eine Stelle spricht man von einem Fachkräfteengpass.  Von einem Fachkräftemangel spricht man, wenn auf eine gemeldete Stelle weniger als drei arbeitslose Bewerber kommen“, erläutert Gudd weiter. 

So gab es in der Berufsgruppe Aus-, Trockenbau, Isolation, Zimmerei, Glaser, Rollladenbau 16 offene Stellen und 34 Bewerber. Es gibt sogar Berufsgruppen, bei denen die gemeldete Nachfrage das gemeldete Angebot an Fachkräften und Höherqualifizierten bereits übersteigt oder sich gerade die Waage hält, geht aus weiteren Zahlen der Statistik hervor: In der Ver- und Entsorgung kamen demnach 13 Bewerber auf 21 Stellen im Jahresdurchschnitt, in der Klempnerei, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik waren es durchschnittlich 27 Bewerber auf 50 Stellen, im Bereich Energietechnik – dazu gehören die Elektroniker, Energie- und Gebäudetechnik – waren es 37 Bewerber auf 96 Stellen und im Tiefbau 16 Bewerber auf 16 Stellen. 

Rubriklistenbild: © Foto: IG Bau

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