Vom leisen Sterben der Dörfer in Südniedersachsen

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Referent: Wolfgang Kleine-Limberg, Planungsbüro Mensch und Region.

Scheden/Altkreis Münden. Der demografische Wandel hat auch in unserer Region Spuren hinterlassen: Junge Menschen verlassen Südniedersachsen und ziehen in Ballungsräume, Häuser stehen leer, mancherorts finden sie trotz niedriger Preise keine Käufer und verfallen.

Vor allem Ortskerne mit ihren historischen, oft nicht mehr zeitgemäßen Wohnungen sind es, die leer stehen.

Eine Tagung der Agrarsozialen Gesellschaft befasste sich jetzt in Scheden mit dem Thema „Auf den Ortskern kommt es an - was wir für unsere Dörfer tun können.“ 25 Experten aus der Region diskutierten, was sich vor dem Hintergrund des fortschreitenden demografischen Wandel tun lässt. Denn durch die Zunahme des Gebäudeleerstands sind alle betroffen. Dieser beeinträchtigt nicht nur das Ortsbild, sondern hat auch für immer mehr Menschen ganz persönliche Konsequenzen: Viele Eigenheime verlieren an Wert, die Nahversorgung wird weiter ausgedünnt und das soziale und kulturelle Leben ermüdet. Der Umgang mit leerstehenden Gebäuden und die Anpassung von Strukturen im Ort stellt eine der größten Herausforderungen für die Gemeinden dar.

Die Experten rücken vor allem die so genannte Innenentwicklung in den Fokus: Ziel ist, die Ortskerne zu beleben und sie für das Wohnen oder andere Funktionen wieder attraktiv zu machen. Das Seminar gab Anreize und Ideen für Ortsbürgermeister, Ehrenamtliche, Verwaltungsmitarbeiter und Planer, welche Instrumente und Anreize eingesetzt werden können, um Menschen im Dorf zu motivieren, sich für die Innenentwicklung zu engagieren.

So berichtete Wolfgang Kleine-Limberg vom Planungsbüro „Mensch und Region“ über mögliche Umnutzungsvarianten im Dorf und sprach dabei auch offen den Abriss alter, nicht mehr zu erhaltender oder erhaltungswürdiger Bausubstanz an, um gemeinschaftlichen Platz zu schaffen oder angrenzenden Grundstücken mehr Freiraum zu geben. Eine Ortsflurbereinigung, so Kleine-Limberg, dürfe kein Tabu sein. Die Zeit dränge, nur mit Kommunikation und Modellprojekten sei es nicht getan: „Es besteht ein flächiger Handlungsbedarf“, so Kleine-Limberg, der sich auch für die Lockerung des Denkmalschutzes aussprach, um sinnvolle Entwicklungen in den Dörfern zu ermöglichen.

Wie sich ein Dorf entwickeln könnte, zeigte Eindrucksvoll Heiko Wiebusch, Fachbereichsleiter aus Hessisch Oldendorf auf. Am Beispiel seines 800 Einwohner zählenden Heimatortes Fuhlen beschrieb er, welch vielfältigen Projekte eine Gruppe engagierter Bürger in einer „Denkfabrik“ nach und nach anstößt - und schließlich das ganze Dorf immer wieder mitmacht. Die Reihe reicht von einem Leitbild, das sich das Dorf gegeben hat, über ein Leerstandskataster und dem gemeinsamen Abbau von Schrottimmobilien bis hin zu niedergeschriebenen Spielregeln, an die sich alle Fuhlener zum Wohle des Dorfes und der Dorfgemeinschaft halten sollen.

Wiebusch stellte auch in den Raum, ob neben den Vereinen, denen insbesondere immer mehr junge Menschen den Rücken kehren, für die Dörfer nicht neue Modelle des gemeinschaftlichen Miteinanders gefunden werden müssten: „Aber es gibt kein Patentrezept. Jedes Dorf muss seinen Weg gehen.“ (phl)

Das Seminar findet erneut statt am kommenden Freitag, 20. Juni, in Hattorf am Harz. Informationen gibt es unter 0551/497090 oder www.asg-goe.de.

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