Nach Verkauf an EAM

Letzte Tour durchs Bioenergiedorf Jühnde

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Die letzte Tour: Roswitha Brinkmann (von links) mit Yui Kimura und Yuko Ryu. 

Yui Kimura und Yuko Ryu haben Geschichte geschrieben in Jühnde. Allerdings eher unfreiwillig.

Die beiden Japanerinnen waren am Montag die letzten beiden Gäste, die bei einer Besucherführung von Roswitha Brinkmann durchs bisher genossenschaftlich geführte Bioenergiedorf und über die Bioenergieanlagen geführt wurden. Seit Dienstag gehören die Anlagen am Koppelweg und das Nahwärmenetz im Dorf der EAM EnergiePlus GmbH. Das erste Bioenergiedorf Jühnde, das mit Bürger- und Gemeinschaftssinn über eine Genossenschaft seine Strom- und Wärmeversorgung aus regenerativen Quellen selbst in die Hand genommen und dafür weltweit Beifall und Anerkennung erfahren hat, ist Geschichte.

Ungeplant, aber nicht unwillkommen waren die beiden letzten Gäste in ihrer Funktion eine Besonderheit und erinnerten an den Kern der Bioenergiedorf-Idee: Yui Kimura ist seit über 30 Jahren Anti-Atomaktivistin aus Japan, dem Land der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Journalistin Yuko Ryu begleitet sie bei ihrer Studienreise zu Erneuerbare-Energie-Projekten in Europa und einem Kongress. Es sei großartig, was die Jühnder auf die Beine gestellt haben, lobt Kimura, in Japan gebe es nur vergleichsweise kleine Projekte dieser Art. Dass am Folgetag ihres Besuches eine neue Ära anbricht, erfuhren sie erst vor Ort – und machte die beiden Asiatinnen traurig: „Wir kommen nicht wegen der Technik hierher, sondern wegen der Frage: Wie bringt man ein Dorf dazu, auf erneuerbare Energien umstellen?“, übersetzt Ryu.

Wie viele Besucher das Bioenergiedorf seit Inbetriebnahme vor fast 14 Jahren besucht haben, lässt sich nur schätzen, mehrere Gästebücher erzählen davon. „Viele Tausend waren es“, sagt Manfred Menke, der mit dem Autoanhänger auf die Bioenergieanlage gekommen ist, um Inventar aufzuladen, das dem Förderverein gehört. Dieser organisiert die Führungen, zehn Jühnder haben sich zu Gästeführern ausbilden lassen. Darunter auch Menke, der vergangene Woche seine letzte Führung mit einer internationalen Gruppe – von Mexiko bis Korea – der Uni Kassel machte. „In den letzten Jahren waren es immerhin noch 40 Führungen mit 600 bis 700 Leuten im Jahr“, ergänzt seine Kollegin Brinkmann. Die studierte Sineologin hat vor allem englischsprachige Gruppen durchs Bioenergiedorf geführt.

Manfred Menke mit Wärmekunden-Baumstamm.Foto: Christian Mühlhausen

Ob und wie es mit den Führungen weitergeht, müsse man mit den Aktiven des Fördervereins besprechen. „Will das die EAM überhaupt noch? Und wollen wir das noch, wenn eine wichtige Säule – die Energieversorgung durch Bürgerhand – weggebrochen ist?“ fragt Brinkmann. Seit Dienstag ist die EAM Hausherr. Die Schlösser wurden getauscht, alles bewegliche Inventar ausgeräumt. Die EAM hält sich bedeckt, ob Jühnde künftig eine Bioenergieanlage wie jede andere oder weiterhin ein touristisches Objekt sein soll: „Wir werden genau prüfen, ob und in welchem Umfang auch weiterhin Führungen auf dem Gelände der Biogasanlage möglich sind und zu gegebener Zeit mit dem Förderverein in Kontakt treten“, heißt es auf Anfrage aus der Pressestelle.

75 Millionen Kilowattstunden Ökostrom haben die Jühnder seit 2005 erzeugt. Eine gewaltige Leistung. Aber die Organisation der Genossenschaft, das Engagement der Bürger sei es hauptsächlich gewesen, was Besucher aus aller Welt nach Jühnde gebracht habe, sagt Brinkmann. Nach der Entscheidung für einen Verkauf merke sie, dass sie das doch stärker treffe als gedacht: „Das hatte eine feste Rolle in meinem Leben.“ Und Menke sagt: „Ich bin am Boden zerstört, dass es so weit gekommen ist. Zuletzt ging es nach den gewonnenen Rechtsstreitigkeiten um 4000 Euro, die jeder Wärmekunde als zusätzliches Kapital einbringen musste. Wir haben sogar Sonderlösungen für finanzschwächere Familien erarbeitet. Sind die 4000 Euro es wert, dass wir uns aufgeben, das tolle Gemeinschaftsprojekt verkaufen und uns abhängig machen von einem Energieversorger? Ich meine, nein.“ 

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