Digitale Sprechstunde

Mündener Start-up-Unternehmen entwickelt App zur Ferndiagnose

Am digitalen Hausbesuch per App arbeiten von links Nicolai Nieder, Dr. Benjamin Gutermann, Andreas Mogharrab und Dorian Koch.
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Am digitalen Hausbesuch per App arbeiten von links Nicolai Nieder, Dr. Benjamin Gutermann, Andreas Mogharrab und Dorian Koch.

Sich zuhause unter Anleitung eines Arztes per Videogespräch selbst mit einem digitalen Stethoskop abzuhören, wobei die Herz- und Lungengeräusche live an den Arzt gesendet werden, ist jetzt dank eines Mündener Unternehmens möglich.

Hann. Münden – Doch diese Art der digitalen Ferndiagnose ist durch MedKitDoc, einer neuen Erfindung „Made in Münden“, möglich. Mit speziell entwickelten medizinischen Geräten in einem sogenannten Medkit entstehen dabei neue Möglichkeiten der Fernbehandlung. Gründer des Start-up-Unternehmen MedKitDoc ist der Mündener Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin, Dr. Benjamin Gutermann.

Zusammen mit seinem Bruder Dorian Koch, Wirtschaftsinformatiker, ist die Idee des digitalen Hausbesuchs per App im Keller der Praxis entstanden. „Zunächst war es aus Eigennutz“, sagt Gutermann. „Oft habe ich mit Familienangehörigen in Krankheitsfällen telefoniert oder auch über Videotelefonie Diagnosen gestellt“. Doch das reichte in vielen Fällen nicht aus, weshalb sich der Mediziner und der IT-Fachmann 2018 Zeit genommen haben, um eine Lösung auszutüfteln.

Im April vor einem Jahr wurde dann das Unternehmen gegründet und mittlerweile ist MedKitDoc bereits „live“: Die ersten Patienten werden digital behandelt. Um das System zu vermarkten, wurde Nicolai Nieder mit ins Boot geholt.

Seit vier Monaten wächst das Team stetig an und momentan arbeiten bereits mehr als 30 Fachleute an der Vision der Gründer, den Hausbesuch zu digitalisieren. Durch die Unterstützung von Investoren wurde im Mai ein weiterer Standort in Berlin eröffnet, um die überregionale Expansion weiter voranzutreiben.

„Für die Patienten, die lediglich mit einem Iphone oder einem Ipad sowie dem Medkit ausgestattet sein müssen, bedeutet dies keine Wartezeiten, keine Ansteckungsgefahr und keine Fahrt in die Praxis“, sagt Dorian Koch. „Für den Arzt heißt es, keine langen Anfahrten zu Hausbesuchen, gerade in ländlichen Gebieten können diese sehr zeitraubend sein.“ So kann ein Arzt mehr digitale Hausbesuche vornehmen und somit mehr Patienten helfen. Weil die im Medkit enthaltenen medizinischen Geräte sehr einfach anzuwenden sind, sei das System für Patienten jeder Altersgruppe geeignet.

Aus der Ferne kann der Arzt live beispielsweise Herz- und Lungengeräusche abhören, Blutdruck oder Temperatur sowie Vitalwerte messen und über die App (bald auch für Android-Smartphones) übertragen. So können viele Behandlungsmöglichkeiten online ausgeführt oder weitergehende fachärztliche Behandlungen eingeleitet werden.

„Wir konnten bereits beeindruckende Erfahrungen sammeln, wie etwa die Diagnostik eines Herzgeräusches über hunderte Kilometer“, ergänzt Andreas Mogharrab, der Gutermann unterstützt. Durch die Zeit als Facharzt in der Notaufnahme im Klinikum Münden verfügt Mogharrab über die Voraussetzungen, um sowohl in der physischen Praxis, als auch bei den digitalen Behandlungen zu unterstützen.

„In der Testphase haben wir mit Patienten von 14 bis 90 Jahren verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen“, sagt Gutermann. Besonders geschätzt wird diese Behandlungsmethode in Altenwohn- und Pflegeheimen. Es seien 400 digitale Beratungen erfolgt, um das Pilotprojekt zum Laufen zu bringen und weiter auszubauen. So soll langfristig eine Rund-um-die Uhr-Behandlung möglich sein.

Es ist damit eine willkommene Ergänzung zum normalen Praxisbetrieb, kann und soll aber den physischen Arztbesuch nicht ersetzen. „Die Modellpraxis Gutermann ist Vorreiter und wir hoffen, dass es viele Nachahmer nicht nur in der Region, sondern deutschlandweit geben wird“, sagt Nieder.

Bald auch Rezepte und Krankschreibungen via App

Über die Handy-App wird ein Termin mit dem Hausarzt vereinbart. Während des Videotelefonates mit dem Arzt schildert der Patient seine Beschwerden. Nach ärztlicher Anleitung geht eine Untersuchung mit den zertifizierten Geräten aus dem Medkit vonstatten.

Es erfolgt eine sofortige Datenübermittlung an den Arzt, der daraufhin die Diagnose stellt, falls nötig entsprechende Medikamente verschreibt und die Weiterbehandlung festlegt. MedKitDoc kann nicht nur eine Vielzahl an Untersuchungen digital vornehmen und auch direkt Arztbriefe bereitstellen, sondern bald auch Rezepte und Krankschreibungen in der App anzeigen. Alle Daten werden datenschutzkonform verschlüsselt übertragen und ebenso verschlüsselt auf Servern in Deutschland gespeichert.

Das Medkit beinhaltet verschiedene Geräte. Darunter ein kabelloses Stethoskop mit Bluetooth-Verbindung, das Körpergeräusche in Echtzeit darstellt. Die App ermöglicht es, die Herz- und Lungengeräusche zu hören. Ein kabelloses Blutdruckmessgerät überträgt den Blutdruck an die App. Ein handlicher Monitor mit spezieller Integration von Pulsoximeter, Thermometer und EKG ermöglicht das Messen der Vitalwerte.

Das Medkit soll in naher Zukunft sowohl gekauft als auch gemietet werden können. Zurzeit erstatten bereits viele private Krankenversicherungen die Kosten der digitalen Behandlung. Ziel ist, dass die Behandlungen noch in diesem Sommer auch von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Geplant ist außerdem, dass Arztpraxen und Apotheken Medkits vorrätig haben, welche sie an Patienten verleihen. (Petra Siebert)

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