Göttinger Werkstätten

„Das Beste daraus gemacht“: Neuer Alltag im Wohnheim der Göttinger Werkstätten in Dransfeld

Sabrina Falke betreut im Tagestreff der Göttinger Werkstätten in Dransfeld Menschen mit Behinderung.
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Im Tagestreff betreut Sabrina Falke Bewohner, die nicht zur Arbeit gehen. Coronaregeln werden hier täglich vermittelt und kreativ verarbeitet, wie mit dem Bild an der Wand.

In Dransfeld befindet sich ein Wohnheim der Göttinger Werkstätten. Dort werden Mensch mit Behinderung betreut. Wie erleben sie die anhaltende Corona-Krise?

Dransfeld – Im Wohnheim der Göttinger Werkstätten in Dransfeld wohnen 100 Menschen mit geistiger Behinderung. Für sie und die 60 Mitarbeiter hat sich der Alltag in den vergangenen Monaten der Coronapandemie verändert. Wir haben Bewohner und Betreuer besucht und über ihre Erfahrungen gesprochen.

Der Tag beginnt um sechs Uhr morgens

Zu Ihnen gehört die 38-jährige Cinderella Jaromin. Sie wohnt seit vier Jahren in einer Wohngruppe, sagt sie und beschreibt ihren Alltag vor Corona: Ihr Tag beginnt um sechs Uhr. Dann geht ein Teil der Mitbewohner arbeiten, ein anderer Teil bleibt im Haus. Nach dem Frühstück geht die 38-Jährige gerne eine Runde laufen. Die Mahlzeiten werden gemeinsam vorbereitet. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Handarbeit oder gemeinsamen Spielen. Den Abend verbringen die Bewohner im Gemeinschaftsraum oder auf ihren Zimmern. Cinderella Jaromin arbeitet in den Göttinger Werkstätten in Gimte. Dort hat sie zuletzt Schutzengel-Anhänger zusammengesteckt. Aktuell ist es den Angestellten aufgrund von Corona aber freigestellt zu arbeiten, erklärt Heimleiterin Eileen Hofer.

Cinderella Jaromin entschied sich dagegen. Sie habe sich in den vergangenen Monaten sehr ängstlich gefühlt: „Es war eine schwere Zeit.“ Ihre Mitbewohnerin Katharina Bode war froh, wieder arbeiten zu können. „Ich finde es gut, dass die Gruppenleiter uns persönlich angerufen haben. Ich habe gleich Ja gesagt“, erklärt die 32-Jährige.

Corona-Krise: Bewohner essen an Einzeltischen

Das gemeinsame Leben in der Wohngruppe habe sich seit März verändert, berichtet Katharina Bode, die seit 13 Jahren in der Einrichtung lebt. Die Bewohner essen nun an Einzeltischen und besuchen andere Wohngruppen nur mit Masken. Regelmäßiges Händewaschen gehört zum Alltag. „Das ganze Haus ist enger zusammengeschweißt“, sagt die 32-Jährige. „Wir haben uns gegenseitig motiviert und das Beste daraus gemacht“, stimmt Cinderella Jaromin zu.

Über die Lockerungen in den vergangenen Monaten freuen sich beide Frauen. „Jetzt können wir wieder alleine einkaufen gehen und nach Göttingen fahren“, sagt Katharina Bode. Cinderella Jaromin freut sich auch darüber, wieder zur Ergotherapie gehen zu können. Zuletzt habe sie die Online-Therapie wahrgenommen. Auch ihre Familie hat sie nun zum ersten Mal wieder besucht: „Wenn ich nach Hause fahre, nutze ich die Zeit ganz intensiv.“ Für Bewohner und Mitarbeiter stand den Sommer über ein Zelt der Feuerwehr Geismar im Garten des Haupthauses zur Verfügung. Dieses wurde für Besprechungen und Aktivitäten genutzt, berichtet Leiterin Eileen Hofer. Da die Bewohner nicht zur Arbeit in die Werkstätten gegangen sind, hätten die Betreuer aus den Werkstätten im Wohnheim ausgeholfen. „Und sie haben gesagt, dass es schön bei uns war“, sagt Katharina Bode.

Tagestreff für Bewohner, die nicht arbeiten

Bewohner, die nicht in den Göttinger Werkstätten arbeiten oder sich im Ruhestand befinden, können ihre Zeit im Tagestreff in der Hoher-Hagen-Straße verbringen. Dort arbeitet Sabrina Falke. Das Programm werde dort auch während Corona, so weit es geht, fortgeführt, erzählt die Betreuerin. Statt 16 Bewohnern seien nun neun im wöchentlichen Wechsel im Tagestreff.

„Die Bewohner brauchen Struktur“, sagt Sabrina Falke. Einige wüssten zwar nicht, welcher Wochentag heute sei, könnten sich jedoch am regelmäßigen Programm des Tagestreffs orientieren. Darauf steht zum Beispiel: einkaufen, kochen, Gartenarbeit, spazieren, basteln, Musikhören und mehr. Morgens werde gemeinsam Zeitung gelesen und sich darüber ausgetauscht. Einmal wöchentlich unternimmt die Gruppe einen Ausflug sowie einen Besuch auf dem Reit- und Therapiehof Fischer in Dankelshausen. „Wenn das Einkaufen ausfällt, können einige nicht damit umgehen“, sagt die Betreuerin. Während Corona sei zunächst ein Einkäufer eingestellt worden. Umso schöner sei es, dass die Gruppe nun wieder gemeinsam einkaufen gehen könne.

„Manchmal gibt es eigenartige Blicke. Dann gehe ich auf die Menschen zu und biete eine Erklärung an“

Nicht jeder Bewohner verstehe die Corona Hygieneregeln oder merke sie sich langfristig, berichtet Sabrina Falke. Im Tagestreff erinnere sie daher täglich daran, Abstand zu halten, die Maske aufzusetzen und die Hände zu waschen. In Dransfeld seien die Bewohner der Göttinger Werkstätten bekannt, sagt Sabrina Falke. Sie habe noch keine Konflikte bei Ausflügen erlebt. „Manchmal gibt es eigenartige Blicke. Dann gehe ich auf die Menschen zu und biete eine Erklärung an“, sagt die Betreuerin.

Wer sich durch das Verhalten eines Bewohners gestört fühle, beispielsweise wenn jemand zu nahe kommt, solle sich genauso verhalten, wie bei jedem anderen Menschen auch und um mehr Abstand bitten. (Von Kim Henneking)

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