Ein Mann der klaren Worte geht: Richter Kraft verabschiedet sich vom Mündener Amtsgericht

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Die letzten Prozessakten zugeklappt: Dr. Wilfried Kraft nach seinem letzten Verfahren am vergangenen Freitag als Direktor und Strafrichter des Amtsgerichts Hann. Münden. Zum Monatsende geht er in den Ruhestand.

Hann. Münden. Am Amtsgericht Hann. Münden geht zum Monatsende eine Ära zu Ende. Dr. Wilfried Kraft geht nach 15 Jahren als Direktor in den Ruhestand.

Dr. Wilfried Kraft ist mit sich im Reinen, wenn er auf sein Berufsleben zurückblickt, insbesondere auf seine Zeit als Richter am Amtsgericht Hann. Münden. Es gebe kein Urteil, dass er bereue. „Ich hätte alle meine Urteile wieder so gefällt“, sagt der 66-jährige.

Er habe immer versucht, die Sachverhalte so aufzuklären, dass nichts mehr offen geblieben sei.

Dabei habe er immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und viel Herzblut eingebracht. Eingeflossen sei dabei auch immer sein „christliches Grundverständnis“, sagt der bekennende Christ, der seit 30 Jahren Kirchenvorsteher der Stadtkirchengemeinde ist.

Früh sei in ihm der Wunsch erwacht, für die Justiz zu arbeiten, um für Recht und Gerechtigkeit einzutreten. Dazu gehöre auch für die „kleinen Leute“, die mal straffällig geworden sind, Verständnis zu zeigen und auf ihre Verfehlungen angemessen zu reagieren. Das heiße aber nicht, dass er Straftaten billige, betont er.

Bei seinen Urteilen habe er immer versucht, die Schadenshöhe im Blick zu haben. Wenn etwa jemand eine Flasche Schnaps für 8,99 Euro gestohlen habe, selbst wenn er dies zum zehnten Mal geschehen sei, habe es bei ihm dafür nur Geldstrafen gegeben.

So habe er auch wenig Verständnis dafür, dass jemand, der Millionen Euro an Steuern hinterzogen oder durch Betrug Schäden in solcher Höhe verursacht habe, zu Freiheitsstrafen mit Bewährung verurteilt wird oder nur zu Strafen zwischen drei und vier Jahren Haft.

Belastet haben ihn in seiner Zeit als Richter Straftaten mit massiven irreparablen Folgen. Dazu gehörten Sexualdelikte und Verfahren wegen fahrlässiger Tötung bei Verkehrsunfällen. Da komme das Strafrecht an seine Grenzen. „Selbst härteste Strafen machen Verletzte nicht wieder gesund und Getötete nicht wieder lebendig.“

Fassungslos hat ihn in seiner Amtszeit gemacht, dass ein vom Amtsgericht Hann. Münden im Jahr 2000 wegen Volksverhetzung verurteilter Rechtsextremist, der zudem Richter Kraft und seine Familie derart massiv bedrohte, dass sie Polizeischutz bekamen, ein vom Verfassungsschutz bezahlter V-Mann war.

Der Mann hatte unter anderem zu einer später verbotenen Demo zum Haus des Richters unter dem Motto aufgerufen: „Weg mit Richter Dr. Kraft“. Das habe sein Vertrauen in den Rechtsstaat bis heute erschüttert, sagt Kraft. Auch deshalb, weil seine Anfragen vom Verfassungsschutz mit dem Hinweis, das sei geheim, abgewiegelt worden seien.

Im Gerichtsaal war Kraft ein Richter der klaren Worte, der sich von niemandem dort die, wie er es nennt, „Lufthoheit“ nehmen lassen wollte. Dabei konnte er auch laut werden, wie an Krafts letztem Sitzungstag ein Zeuge erfahren musste, der an der Tür gelauscht hatte. Das ist „eine Unverschämtheit“, machte sich Kraft Luft.

Am Freitag, 31. Oktober, hängt er seine Richterrobe zum letzten Mal an die Garderobe in seinem Besprechungszimmer. Demnächst wird man den leidenschaftlichen Gärtner wohl häufiger in seinem Gemüsegarten antreffen, wo er alles anbaut „was man essen kann“. (ems)

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