Römerlager Hedemünden: Auf Zeitreise zu den Legionären

Gut, dass es ein Megafon gab: Anders hätte Kreisarchäologe Dr. Klaus Grote die Besuchermenge gar nicht leiten und informieren können. Foto: Mühlhausen

Hedemünden. Annähernd 300 Menschen waren es, die am Samstag teils mit Rucksack, Stock und Fotoapparat „bewaffnet“ in langem Tross zum Hedemündener Burgberg marschierten. Von fern mutete es wie ein römischer Marschzug an, und das Römerlager war am Ende auch das Ziel.

Den Nummernschildern der weiter unten parkenden Autos nach zu urteilen waren sie aus einem weiten Umkreis angereist, um an der Führung mit Kreisarchäologe Dr. Klaus Grote teilzunehmen. Der schritt mit Megafon voran und freute sich; „Mehr als ich erwartet hatte.“ Der Qualität der Führung tat die Menge keinen Abbruch. Auch wenn es stets ein wenig dauerte, bis die Menschengruppe sich zum nächsten Exkursionspunkt in Bewegung setzte, waren Grotes Ausführungen doch für Jedermann verständig.

Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012

Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
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Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen
Römerlager Hedemünden: Erste Führung 2012 © HNA/Mühlhausen

Und diese Ausführungen braucht es auch, will man verstehen, was man auf dem Hügel oberhalb des Werratals, sieht - oder nicht sieht. Denn außer den Resten der einstigen Wallanlage und den großen, in Reihen oder Quadraten gelegten Sandsteinen, die mit ein wenig Fantasie die Lage der Fundamente der einstigen Holzbauten deutlich machen, sieht man überwiegend Bäume und Waldboden.

Mit Hilfe von Grotes Erläuterungen aber und den auf Skizzenblättern dargestellten Rekonstruktionen, die tapfer von jungen Helfern empor gehalten werden, kommt Leben in die Sache.

Ein erhabenes Gefühl

Dann entsteht vor dem geistigen Auge das einstige Südtor und beschert einem ein erhabenes Gefühl: „Dort, wo wir jetzt gleich durchgehen, sind auch vor 2000 Jahren die Legionäre durchgegangen“, so Grote. Deutlicher Beleg sei eine massive Häufung von Sandalennägeln, die man bei den Ausgrabungen dort gefunden habe. Über 3000 Metallfunde habe man gemacht, allein ein Drittel davon sind reißzweckengroße Sandalennägel.

Grote hilft, das vor Ort Gesehene in den geschichtlichen Zusammenhang einzuordnen. So berichtet er von dem bei seinen Truppen beliebten Feldherren Drusus, unter dessen Regie das Hedemünder Lager entstand und der sicherlich römischer Kaiser geworden wäre – wenn Drusus nicht bei der Rückkehr eines Feldzugs vom Pferd gefallen und an den Verletzungen schließlich gestorben wäre. So wurde sein Bruder Tiberius schließlich römischer Kaiser.

Wäre das nicht passiert, dann wären sicher nicht Hann. Münden, Kassel oder Göttingen, die es damals noch nicht gab, die Zentren unserer Region, sondern eben Hedemünden als wichtiger Brückenkopf ausgebaut worden, ließ Grote die Besucherschar wissen. Doch bekanntlich kam alles anders.

Internet und Audioguide

Es sind diese Erläuterungen, die keine der vor Ort angebrachten Schautafeln und auch nicht der im Internet als kostenlosen Download verfügbaren Audioguide leisten können. Dass Grote eine Führung anbietet, ist Ausnahme, nicht die Regel. Diese Führungen werden in der Regel von geschulten Mündener Stadtführern durchgeführt, sodass es sich für den erstmaligen Besuch auf jeden Fall lohnt, das Lager unter fachkundiger Anleitung zu erkundigen. Kreisarchäologe lehnt touristischen Ausbau des Lagers kategorisch ab

Dr. Klaus Grote macht keinen Hehl aus seiner Meinung zu den Plänen für eine touristische Entwicklung des Römerlagers: Er hält davon überhaupt nichts! „Es ist dafür leider schon viel Geld ausgegeben worden“, Grote spricht von „Luftschloss“ und „nicht finanzierbar“. Solange das Römerlager noch archäologisches Forschungspotenzial bereit halte - bislang habe man nur „die Tischdecke gelüftet“ -, solle der Tourismus nicht am Burgberg einfallen: Die geplanten 80 000 Besucher im Jahr wirkten wie ein Hobel, der Stück für Stück etwas vom Gelände abtrage. Sanfter Tourismus mit Führungen wie bisher statt Massentourismus, so stellt er sich die künftige touristische Nutzung vor. (pht)

Was man über das Lager wissen sollte

• Vom Sandalennagel bis zur kiloschweren Pionieraxt:: Mehr als 3000 Metallfunde aus dem Geländer lagern derzeit im Magazin des Landkreises Göttingen, gehören aber dem Land Niedersachsen, das die Grabungen maßgeblich finanziert hat. Demnächst gehen die Funde daher nach Hannover ins Landesmuseum. Sie werden 2013 unter anderem auf Ausstellungen in Braunschweig, Hannover und am Harzhorn gezeigt.

• Dem Hauptlager umgebenden Spitzgraben folgte ein mit Palisaden befestigter Wall, sodass eventuelle Angreifer vor einem bis zu fünf Meter hohen, unüberwindbaren Hindernis standen.

• Das gesamte Areal rund um das 3,2 Ha große, dauerhaft mit 200 bis 300 Legionären besetzte Hauptlager, umfasste rund 25 Hektar - etwa 30 Fußballfelder. Die Außenlager waren ohne befestigte Gebäude und dienten als Zeltlager, wenn die 5000 Mann umfassenden Legionen durchzogen oder ein Schiffskonvoi auf der Werra anlandete. Dann war Hochbetrieb auf dem Burgberg.

• Das Römerlager Hedemünden wurde nicht fluchtartig verlassen, sondern „mangels Auftrag“ - an anderen Stellen des römischen Reiches war der militärische Einsatz irgendwann mehr gefordert als in Hedemünden - fast besenrein hinterlassen. Auch Drusus’ Tod könnte bei der Aufgabe eine Rolle gespielt haben.

• Das ovale 300 mal 150 Meter messende Hauptlager stand auf der damals unbewaldeten Bergkuppe und sollte mit seinen Turmbauten die militärische Macht des römischen Imperiums bis weit ins Land zum Ausdruck bringen. Kämpfe haben dort nicht stattgefunden, dennoch muss geschossen worden sein. Darauf deuten Funde von Pfeile und Katapultgeschoss-Spitzen hin, die im Hauptlager und im Umfeld schräg im Boden steckten.

• Das Lager umfasste unterlüftete Getreidespeicher ebenso wie Lazarett, Leder-, Holz- und Metallverarbeitung sowie ein 40 mal 40 Meter großes Verwaltungsgebäude, das Pincipia.

• 20 bis 25 Kilogramm Gepäck trug ein Legionär auf dem Rücken. Damit marschierte er auf deutlich schlechteren Wegen als heute Strecken wie etwa von Mainz bis an die Elbe. (pht)

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