Verfahren auch für Rollstühle, Rollatoren und Toilettenstühle

Sanitätshäuser protestieren gegen überregionale Ausschreibung

Altkreis Münden. Bundesweit protestieren Sanitätshäuser und Versicherte gegen die zunehmende Praxis von Krankenkassen, Aufträge überregional auszuschreiben.

Sie sehen dadurch die wohnortnahe Versorgung sowie die Qualität der Beratung und der Hilfsmittel gefährdet.

Das Konzept ist nicht neu: Für Produkte wie Erwachsenenwindeln sind Ausschreibungen durchaus üblich. Dass nun aber die große Krankenversicherung DAK-Gesundheit das Verfahren auch im Bereich der Rollstühle, Rollatoren und Toilettenstühle anwendet, sorgt für Aufregung.

Wenn weitere Krankenkassen dem Beispiel der DAK folgen, müsse mit deutlichen Umsatzeinbußen bei örtlichen Sanitätshäusern gerechnet werden. Arbeitsplätze stünden dann auf dem Spiel, sagt ein Sanitätshaus-Fachangestellter aus dem Landkreis Göttingen. Aus Sorge über mögliche Reaktionen der Krankenkassen will er nicht, dass sein Unternehmen namentlich genannt wird. Auch andere Sanitätshäuser der Region wollten sich nicht öffentlich äußern.

Viel schwerwiegender als die Umsatzeinbußen sei nach Meinung des Fachangestellten aber der Versorgungsengpass, der durch die Ausschreibung entstehe. Bis der Kunde mit dem von seiner Krankenkasse beauftragten Sanitätshaus in Kontakt tritt und das nötige Hilfsmittel geliefert wird, könne oft viel Zeit vergehen. Menschen mit Gehbehinderung seien dann gezwungen, zu Hause zu bleiben.

Dies passiere auch, wenn die Rollstühle wegen Schäden nicht mehr fahrtüchtig sind. Selbst in solchen Fällen dürfen Sanitätshäuser aus der Region nicht aushelfen. Dafür sind nur die von der Krankenversicherung bestimmten Unternehmen zuständig. Reparaturen können dadurch wesentlich länger dauern.

Durch das neue Verfahren der DAK geht nach Meinung vieler Sanitätshäuser nicht nur der schnelle Service, sondern auch die individuelle Betreuung verloren: „Der Rollstuhl ist ein anpassungspflichtiges Hilfsmittel. Die Sitzbreite muss ausgemessen und das Wohnumfeld beachtet werden“, erklärt der Fachangestellte.

Dafür bieten örtliche Unternehmen kostenlose Hausbesuche an. Sanitätshäuser, die hunderte von Kilometern entfernt ansässig seien, würden dies aus wirtschaftlichen Gründen selten tun. Sie regelten meist alles übers Telefon.

Die DAK verteidigt den Schritt: Nur über diesen Weg erziele man wirtschaftliche Preise und könne gleichbleibend hohe Qualität bieten. Der Service und die Betreuung seien im Vergleich zur bisherigen Regelung sogar besser geworden. „Die Auslieferung der Rollstühle erfolgt grundsätzlich umgehend, spätestens innerhalb von drei Arbeitstagen nach Auftragserteilung“, teilt der Pressesprecher der DAK Nord, Sönke Krohn mit. In dem bisherigen Altvertrag sei diese Frist nicht vertraglich geregelt gewesen.

Von Viktoria Fischer

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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