Historiker gibt Empfehlung an Uni Göttingen

Sohnreys Ehrenbürgerschaft: Historiker empfiehlt Aberkennung

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Wie lange heißt diese Straße im Göttinger Ortsteil Geismar noch so? Der Kulturausschuss rät nach dem Gutachten der Uni-Historiker zu einer Umbenennung. Der Ortsrat muss nun entscheiden.

Göttingen/Jühnde. Die Universität Göttingen sollte sich von ihrem 1934 ernannten Uni-Ehrenbürger Heinrich Sohnrey distanzieren. Diese Empfehlung gibt der Göttinger Historiker Dr. Dirk Schumann der Leitung in einem Gutachten zu Sohnrey.

Er sei kein ausgewiesener Nationalsozialist, aber Wirken und Schriften seien jahrzehntelang von eindeutig fremdenfeindlichen und rassistischen Tendenzen gekennzeichnet. Zudem seien keine besonderen Verdienste Sohnreys für die Universität zu erkennen, sagte Schumann vor dem Kulturausschuss.

Das Gremium empfiehlt deshalb dem Ortsrat Geismar, die Heinrich-Sohnrey-Straße umzubenennen. „Dafür ist der Ortsrat zuständig“, sagte Ausschussvorsitzender Wilhelm Gerhardy. Der Ortsrat tagt am Donnerstag um 19.30 Uhr an der Kerllsgasse 2.

Heinrich Sohnrey wurde am 19. Juni 1859 in Jühnde geboren, er starb am 26. Januar 1948 in Neuhaus am Solling. Er war Lehrer, Volksschriftsteller, Publizist sowie Verleger und wird auch als „Heimat-Dichter“ bezeichnet. Seine erste Lehrerstelle trat er 1879 in Nienhagen an, einen Ortsteil von Moringen. Damals begann sein Interesse für Volks- und Heimatkunde. Er versuchte, die Lebensverhältnisse der Landbevölkerung verbessern zu helfen. Journalistisch arbeitete er ab 1889 in Northeim, später in Hildesheim. Dort gründete er den Hildesheimer Sonntagsboten. Er lebte und arbeitete auch in Freiburg und Berlin, baute dort die Wandervogel-Bewegung mit auf. In Berlin gründete Sohnrey 1904 den Verlag Deutsche Landbuchhandlung, wo seine Bücher und Schriften erschienen, in denen er auch die Rasse-Ideologien der Nationalsozialisten stützte. 1933 unterzeichnete er mit 88 Schriftstellern das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler. Später rückte er von der Person Hitlers ab. Er war kein NSDAP-Mitglied. (tko)

Schumann nannte als Beispiel für rassistische Tendenzen Passagen in Schriften Sohnreys, in denen es immer wieder um die Reinheit des deutschen Blutes ginge, so in dem Buch „Die Geschichte vom schwarzbraunen Mädelein“, das 1938 umbetitelt wurde in „Das fremde Blut“.

Der Verleger Sohnrey hatte während der Nazi-Zeit keine Probleme, seine Schriften zu veröffentlichen. Wohl auch, weil er darin das Gedankengut der Nationalsozialisten gestützt habe, wie Schuhmann sagte. Er erwähnte auch, dass die Recherche aufgrund der zum Teil schwierigen Quellenlage schwierig gewesen sei.

Die Umbenennung der Straße im Göttinger Ortsteil Geismar wäre ein Schritt, den andere Gemeinden bereits gegangen sind: Auch in Hattorf, Rinteln, Springe, Höxter und in Hann. Münden sind Sohnrey-Straßen umbenannt worden. In Hann. Münden wurde die Heinrich-Sohnrey-Realschule auf Kreistagsbeschluss 2011 zur heutigen Drei-Flüsse-Realschule. In Boffzen heißt die Grundschule nun „Am Sollingtor“.

Diskussionen gibt es auch in weiteren niedersächsischen Orten wie in der Landeshauptstadt Hannover.

Die Heinrich-Sohnrey-Gesellschaft würdigt auch weiterhin die Verdienste ihres Namensgebers, die auch Historiker Schumann nicht unerwähnt lässt. Sohnrey habe sich um die Verbesserung der sozialen Verhältnisse auf dem Land verdient gemacht.

Die Sohnrey-Gesellschaft widerspricht Kritikern wie dem Göttinger Frank Möbius, der in der Expertise „In Sachen Heinrich Sohnrey“ ebenfalls von rassistischen Schriften schreibt. Der Sohnrey-Biograf Gerd Busse hingegen hatte darauf hingewiesen, dass Sohnrey sich vom Nationalismus in Schriftbeiträgen abgegrenzt, gleichwohl aber ob des Existenzerhalts mit den Nazis kooperiert habe. Dieses taktische Verhalten aber spricht Schumann Sohnrey ab, er habe in echter Überzeugung das Regime unterstützt. Die Uni-Ehrenbürgerschaft sei Teil der Strategie der Nazis gewesen, sich Sohnreys Popularität zu Nutze zu machen.

Gesellschaft will aufklären

Der Verein Heinrich-Sohnrey-Gesellschaft versucht nach eigener Mitteilung, seit der Gründung 1949 eine Aufarbeitung voranzutreiben. Doch reichten weder personelle noch finanziellen Mittel dafür aus. Zudem werde man von angesprochenen Institutionen vertröstet, so auch von der Agrarsozialen Gesellschaft in Göttingen. Die Gesellschaft schaffe es finanziell gerade einmal, die Erhaltung und Weiterführung des Heinrich-Sohnrey-Archives in Jühnde zu gewährleisten.

Auf der Internet-Seite heißt es: „Wir möchten hier betonen, das die Heinrich-Sohnrey-Gesellschaft seit ihrer Gründung niemals irgendetwas mit der Förderung, Verharmlosung oder des Gutheißens rechten Gedankengutes zu tun hatte. Uns ging und geht es um die Aufarbeitung eines Lebenswerkes und dessen Bewertung inklusive der zwölf Jahre NS-Zeit des 74- bis 86-Jährigen.“

Der Verein widerspricht dem Kritiker Dr. Frank Möbius und zitiert stattdessen den Biografen Gerd Busse: „Sohnrey war weder vor 1933 noch danach Nationalsozialist, wenn sich auch „bei aller Übereinstimmung von nationalen und völkischen Gedanken […] jedoch völlig anders motivierte Gedankenwelten verbinden sollten.“ (Busse, S.113).

Auch die Behauptungen, Sohnrey sei ein Befürworter des Holocaust, ein Rassist, ein Antisemit, ein Kriegstreiber, quasi ein Propagandist der Nationalsozialisten gewesen, der nie seine Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten bereute, seien weit her geholt, basieren nur auf Zitaten aus der nach 1933 erschienenen Belletristik und sind damit recht problematisch.

Von Thomas Kopietz

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