Zeltlager an der Ostsee

Freizeit in Pelzerhaken 1954: Kohlrabi gegen den Hunger

Das Zeltlager „Seeschlange“ in Pelzerhaken im Jahre 1954. Erwin Käse aus Escherode hat das Foto gemacht.
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Das Zeltlager „Seeschlange“ in Pelzerhaken im Jahre 1954 Erwin Käse aus Escherode hat das Foto gemacht.

Generationen haben Erinnerungen an Pelzerhaken, jenen Ostsee-Ort, an dem das Landschulheim des Landkreises Münden stand. Wir stellen Erinnerungen unserer Leser vor. Heute: Erwin Käse

Kaufungen/Escherode/Pelzerhaken – Vor mehr als einem halben Jahrhundert, genauer vor 67 Jahren, war Erwin Käse in Pelzerhaken. „Es war mein erster Urlaub“ berichtet der Escheröder, der seit acht Jahren in Kaufungen wohnt. „Damals war ich 16, es war 1954.“ Es sei schon eine tolle Sache gewesen, so kurz nach dem Krieg. Für zwei Wochen fuhren zwei Gruppen von Kindern und Jugendlichen an die Ostsee, damals noch ins Zeltlager.

Gruppenbild: Erwin Käse (rechts) war 1954 in Pelzerhaken an der Ostsee.

Vor 67 Jahren war Erwin Käse in Pelzerhaken

„Die Jüngeren wurden von einem Lehrerehepaar und einer Köchin begleitet, die waren noch in der Volksschule. Wir waren bereits in der Ausbildung“, berichtet er. Alle stammten aus dem damaligen Landkreis Münden. Im Gespräch merkt man, wie es ihm Spaß macht, über die alten Erinnerungen zu reden, einige sind schon im Nebel der Zeit vergangen. „Wir machten einen größeren Schiffsauflug, aber ob wir bis Lübeck fuhren, oder woanders hin, kann ich nach all der Zeit nicht mehr sagen“, so Käse.

An eine Geschichte erinnert er sich besonders, sie bringt ihm zu Lachen: „Wir waren noch im Wachsen und hatten immer Hunger“. Man war ja den ganzen Tag an oder in der See und an der frischen Luft. Er habe einen Brief nach Hause geschrieben, ob er noch fünf Mark bekommen könne, in der Hoffnung, dass er zehn bekomme. Leider vergeblich.

Ein Kohlrabi wie einen Apfel gegessen

Also war der Plan, sich Essen im Ort zu kaufen, auch gescheitert. In der Fünfergruppe, in der er sich einfand, wuchs eine Idee: „Am Ortsausgang Richtung Neustadt war ein Café und dahinter ein Feld, auf dem Kohlrabi wuchs.

Zweimannzelt: Erwin Käse (links) mit einem Freund in einem kleinen Zelt im Jahre 1954

Ihr Plan war schnell klar, ab zum Feld und sich das Gemüse einverleiben. Auf dem Weg dorthin trafen sie das Lehrerehepaar und die Köchin. „Wo wollt ihr hin?“, war die Frage. Die Ausrede: „Zum Café, was zum Essen holen“. „Wir hatten noch zehn Pfennig, für die holten wir uns dann ein Gebäckstück, als Alibi“, berichtet Käse. Auf dem Feld ernteten sie die begehrten Kohlrabi und „aßen sie wie einen Apfel“. Am Ferienlager zurück, erwartet sie schon die Lehrer und die Köchin. „Jetzt gibt es Ärger“, so berichtet Käse von seinen Gedanken.

Doch es kam anders: „Sie empfingen uns mit frischen Leberwurstbroten.“ Das Leben im Zeltlager, das die Teilnehmer „Seeschlange“ tauften, war einfach, aber schön. „Die Jungs schliefen in einem großen Zelt“. Er und ein Freund aus Spiekershausen machten es sich in einem kleinen Zwei-Mann-Zelt gemütlich.

Einfaches, aber schönes Leben an der Ostsee

„Wir fanden Luftmatratzen, diese waren undicht. Wir flickten sie mit Klebeband, aber am Morgen waren sie wieder platt“. Nach zwei spannenden Wochen ging es mit dem Zug über Hamburg wieder zurück nach Hann. Münden und mit dem Postbus nach Escherode. 1985 war Erwin Käse noch einmal auf einer Urlaubsreise in Pelzerhaken.

„Da war alles anders“, berichtet er. Zusammen mit seiner Frau wohnt er in Niederkaufungen und denkt gerne an die Zeit in Pelzerhaken zurück. (Jens Döll)

Generationen von Menschen aus dem Landkreis Göttingen waren in Pelzerhaken. Wir sammeln ihre Geschichten. Von geklauten Mercedes-Sternen, über erste Lieben, bis hin zu lecken „Strand-Pommes“.

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