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Professioneller Baumkletterer aus Staufenberg: „Angst ist auch was Gutes“

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Von: Clara Veiga Pinto

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Jacques Clemens aus Speele ist seit 2015 professioneller Baumkletterer. Der Gefahren seines Berufes ist er sich bewusst.
Jacques Clemens aus Speele ist seit 2015 professioneller Baumkletterer. Der Gefahren seines Berufes ist er sich bewusst. © Clara Pinto

Er arbeitet da, wo anderen schwindelig wird: Jacques Clemens aus Speele (Staufenberg) ist Baumkletterer. Warum Angst ein guter Ratgeber ist, berichtet er.

Staufenberg – „Für meinen Beruf muss man ein bisschen verrückt, aber gleichzeitig auch so besonnen sein, dass man einen kühlen Kopf bewahrt“, sagt Jacques Clemens aus Speele lachend. Seit 2015 ist er professioneller Baumkletterer. Die Seilklettertechnik ist sein Spezialgebiet. Zu seinen Aufgaben zählen Baumfällungen, Baumpflege und Baumuntersuchungen.

Staufenberg: Jacques Clemens ist Baumkletterer

Er kommt dann ins Spiel, Bäume an Standorten stehen, die mit Steigern oder Kranen nicht zu erreichen sind. Zudem gilt die Seilklettertechnik als schonende Methode der Baumpflege. Viel Platz braucht Clemens nämlich nicht für seine Arbeit. Alle seine Utensilien trägt er bei sich.

Seine persönliche Schutzausrüstung besteht aus Klettergurten, Seilen, seinem Helm und Handschuhen. Bei Fällungen trägt er auch Steigeisen an den Schuhen, die es ihm ermöglichen, am Stamm hochzuklettern. Auch seine Sägen dürfen nicht fehlen. Seine komplette Ausrüstung kostet 4000 bis 5000 Euro und wird einmal jährlich geprüft. „Und die meisten Dinge sind Verschleißteile, die muss ich einmal im Jahr neu kaufen“, sagt Clemens.

Um sich zu sichern, benutzen Baumkletterer ein sogenanntes Wurfsäckchen. Daran ist das Kletterseil befestigt. Der Kletterer guckt sich einen Ast aus, von dem er glaubt, dass er die Last trägt. Er wirft das Säckchen darüber und das Seil kommt auf der anderen Seite wieder herunter.

Mit Vorwissen und Wurfsäckchen geht es hinauf.

„Man muss definitiv baumbotanisches Vorwissen haben, denn manche Bäume halten viel Gewicht aus, und manchen nicht“, erklärt Clemens. „Der Reiz ist eben auch, dass jeder Baum anders ist. Das macht mir Spaß.“ Mit diversen Knotentechniken sichert sich der Kletterer selbst. Um den Beruf des Baumkletterers auszuüben, braucht man keine bestimmte Ausbildung, dafür aber zahlreiche Zertifikate. Unter anderem wird der Umgang mit der Motorsäge trainiert, außerdem brauchen Anwärter einen Gesundheitstest – der wird alle zwei Jahre wiederholt.

Ein erweiterter Erste-Hilfe-Kurs und Kletterstunden sind auch nötig. Jacques Clemens ist sei 2015 selbstständig. Bisher hat er keine Mitarbeiter. „In der Baumkletterbranche ist jeder Einzelunternehmer. Man ist komplett auf sich allein gestellt.“ Das Klettern und auch Bouldern gehört schon lange zu seinen Hobbys.

Zuvor studierte der 32-Jährige Forstwissenschaften und Arboristik in Göttingen. „Im Studium lernte ich zum ersten Mal Baumkletterer kennen“, erinnert er sich. Ursprünglich ist Clemens Notfallsanitäter. Das hat auch in seinem heutigen Beruf Vorteile. Wenn sich mal jemand bei Fällarbeiten verletzt, kann er helfen. Einen Unfall hatte er selbst noch nicht. Einige seiner Kletterkollegen aber schon.

„Das Bodenpersonal ist statistisch gefährdeter, als der Kletterer. Wenn Äste von oben herunterfallen, wird es gefährlich“, sagt er. Manchmal wiegen die Teile, die Clemens absägt, bis zu einer Tonne. „Im Baum ist man tendenziell sicherer.“

Staufenberg: Arbeit an Hochspannungsleitungen besonders gefährlich

Besonders gefährlich ist das Arbeiten an Hochspannungsleitungen. „Ich mache das nicht mehr so gerne. Die Gefahr ist zu hoch“, sagt der Vater von vier Kindern. Auch seine Frau gibt zu, dass sie manchmal Angst um ihn hat. „An sich ist es ein toller Job, aber die Gefahr sich zu verletzen ist sehr hoch“, sagt sie.

Für Jacques Clemens selbst ist es wichtig, ruhig an die Sache zu gehen. Auch, wenn er mal Angst hat. „Die meisten Arbeiten sind Routine, aber manchmal hat man doch Respekt“, räumt er ein. „Die Angst ist aber auch etwas Gutes, denn die macht mich vorsichtig.“

Aber auch an lustige Aufträge kann sich der 32-Jährige erinnern. Um eine Blattprobe zu nehmen, musste sich vor ein paar Jahren wie an einer Liane von einem Baum zum anderen schwingen. „Da habe ich mich wie Tarzan gefühlt“, erzählt er und lacht. „Das werde ich nicht vergessen.“

Aktuell hat Clemens wieder vermehrt Aufträge. Das liegt an den Stürmen der vergangenen Tage. „Viele Menschen haben sich eine Begehung ihrer Bäume gewünscht, weil sie Angst hatten, dass sie beim Sturm umfallen.“ Im Winter hat der Kletterer sowieso mehr Aufträge als im Sommer.

Deswegen arbeitet er in der warmen Jahreszeit regelmäßig bei der Stadt Hannover und pflegt die städtischen Flächen. Außerdem ist er auch bei der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen tätig. Dass er seinen Beruf wahrscheinlich nicht bis zur Rente ausüben kann, weiß Clemens. „Später kann ich zum Beispiel wieder als Notfallsanitäter arbeiten“, hat er sich überlegt. „Oder ich werde Ausbilder für Seilklettertechnik.“ (Clara Pinto)

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