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Sühne für einen Mord?

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Frühjahr 1944. August Mesch fotografierte das Steinkreuz am zwischenzeitlichen Aufstellungsort im Außengelände der Tillyschanze. Im Hintergrund die Gaststätte. Sammlung Heimat- und Geschichtsverein Sydekum.
Frühjahr 1944. August Mesch fotografierte das Steinkreuz am zwischenzeitlichen Aufstellungsort im Außengelände der Tillyschanze. Im Hintergrund die Gaststätte. Sammlung Heimat- und Geschichtsverein Sydekum. © Repro: Stefan Schäfer

Wer auf dem oberen Schlossplatz auf den gotischen Spindelturm zugeht, sieht links vom Eingang ein sogenanntes Radkreuz. Es ist eine saubere handwerkliche Steinmetzarbeit aus heimischem Sandstein und mit Sockel 135 Zentimeter hoch.

Wer auf dem oberen Schlossplatz auf den gotischen Spindelturm zugeht, sieht links vom Eingang ein sogenanntes Radkreuz. Es ist eine saubere handwerkliche Steinmetzarbeit aus heimischem Sandstein und mit Sockel 135 Zentimeter hoch. Es handelt sich um einen aus dem Stein gehauenen Kreisring, die vier Kreissektoren sind als freie Durchbrüche ausgearbeitet. Auf dem linken Kreuzarm kann man eine Vertiefung erkennen, die auch als Dolch oder Messersech (Bestandteil eines Pfluges, was vor der Pflugschar den Boden aufritzt) gedeutet wird. Dieses kann infrage gestellt werden, denn der geübte Steinmetz wird das Tötungswerkzeug besser in Szene gesetzt haben können.

Steinkreuze spielten im Mittelalter eine wesentliche Rolle als Sühnekreuz. In einigen Fällen ist der Hintergrund der Auseinandersetzung vertraglich überliefert. Ein Tötungsdelikt verlangte eine Wiedergutmachung gegenüber den Hinterbliebenen, kirchliche Bußen, wie Wallfahrten oder Stiftungen und Zahlungen an den Grundherren. Mit der Constitutio Criminalis Carolina, einem ersten einheitlichen Strafgesetzbuch unter Kaiser Karl V., welches 1532 auf dem Reichstag in Regensburg beschlossen wurde, endete spätestens die Zeit der Sühneverträge und der Sühnekreuze.

Mit der Aufstellung des Steins war der heimischen Bevölkerung der Tathergang und die Sühne bekannt und sollte auch dazu dienen, durch Bußfertigkeit einer Blutrache der getroffenen Familie entgegenzuwirken. Spätestens mit den großen gesellschaftlichen Verwerfungen des Dreißigjährigen Krieges werden die Ereignisse zu Spinnstubengeschichten und Sagen.

Auch als Flurnamen überdauern sie die Zeiten, stehen doch die steinernen Zeugen stumm des Weges. In unserem Fall sind es Flurnamen, wie Kreuzbreite, Kreuzkrug. Diese Flurnamen lassen sich im Bereich der heutigen Göttinger Straße an der Abzweigung nach Gimte lokalisieren. Dort war die Landwehrschenke, die auch den Namen „Zum Schwarzen Bären“ trug und als Kreuzkrug bekannt war.

Der Flurname Mordhecke ist etwas weiter nördlich in Höhe der Drei-Flüsse-Realschule lokalisierbar. In historischen Quellen wurde wechselweise von Kreuzen oder dem Kreuz gesprochen. Der älteste Beleg stammt aus dem Jahre 1400 aus dem Roten Buch der Stadt Münden.

Da diese Quelle im Zweiten Weltkrieg unwiderruflich verloren ging, ist die Abschrift von Hans Graefe „bi dem crutzen“ doppeldeutig als Hinweis auf ein Kreuz oder zwei Kreuze aufzufassen.

Eine jüngere Spur bietet uns Stadtchronist Wilhelm Lotze in seiner Stadtgeschichte von 1879. Er beschrieb die von Apfelbäumen eingefasste Göttinger Chaussee und die Kreuzwege, wo die Fahrt nach Gimte hinabgeht. „Dort stand von Alters her ein sogenanntes Bonifatius Kreuz.

Der frühere Postdirektor Frank ließ diesen Kreuzstein in seinen Anlagen, dem ehemaligen Postgarten, aufrichten.“ Der Verweis auf den bedeutenden Missionar war seinerzeit populär. So sollen Bonifatius-Kreuze überall dort aufgestellt worden sein, wo er predigte, so auch im Jahre 797 bei Herstelle an der Weser. Etwas griffiger wird die Geschichte um den Postmeister Frank, der bereits um 1814 verstarb. Frank pachtete vom ehemaligen herrschaftlichen Vorwerk, das Gartenland Hinter der Burg (heutiger Spielplatz) und ließ sich seinen Garten mit dem Altertumsfund bereichern. Stadtbauinspektor Carl Fraas hatte dann ein Auge auf den Stein geworfen und verfeinerte daraufhin, seine aus den Überresten der abgebrochenen Stadtmauer ab dem Jahre 1841 am Vogelsangbach errichtete „Fraasburg“.

Georg Fischer, genannt Hellenberg, sicherte das Radkreuz für die „Alterthümersammlung“ der Tillyschanze, wo es von den 1880er Jahren bis zum Jahre 1954 stand. Nachdem es von übermütiger Hand in den Wallgraben gestürzt wurde, befand Museumsleiter Eduard Voigt es am seinerzeitigen Eingang des Museums am Welfenschloss für besser aufgehoben. Ob es der letzte Standort dieses spannenden Denksteins sein wird?

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