Er führte den Fernsprecher ein

Sir Henry aus Hann. Münden führte den Fernsprecher ein

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Sir Henry Fischer oder auch Karl Heinrich Fischer. Ein Mündener, der es bis in den englischen Adelsstand schaffte und sich um den telekommunikativen Fortschritt sehr verdient gemacht hat. 

Am 15. Februar 1833 kam in Hann. Münden ein kleiner Junge zur Welt, der buchstäblich für eine ganz besondere Verbindung zwischen Deutschland und Großbritannien sorgen sollte.

Die Rede ist von Karl Heinrich Fischer, Sohn des Buchbindemeisters Georg Heinrich Fischer und dessen Frau Christine.

Da ahnte noch keiner, dass dieser Mündener Spross einmal derjenige sein sollte, der für die Einführung des Fernsprechers in Europa sorgte, später als Telefon bekannt.

Nach kaufmännischer Ausbildung und Arbeit bei der königlich-Hannoverschen Eisenbahndirektion kam er zum Telegraphendienst und arbeitete sich dort die Karriereleiter hinauf.

Von Hannover nach England

Als Vorsteher des weltweit größten Telegraphenamtes in England erfuhr Karl Heinrich Fischer 1877 auf einer Geschäftsreise nach Amerika von dem Fortschritt eines Gerätes, das zuvor bereits durch Philipp Reis bis zur Prototypreife entwickelt wurde und den Namen „Telephon“ erhalten hatte. 

Vom ersten Modell bis zu den heutigen Smartphones hat das Telefon eine rasante Entwicklung durchgemacht. Hier ein Modell aus den 50er-Jahren.

Alexander Graham Bell hatte es etwas weiterentwickelt und Fischer nahm kurzerhand zwei Exemplare mit. Diese zeigte er dem Generalpostmeister in Berlin, Heinrich Stephan, der sie noch am selben Tag ungeduldig ausprobierte. Dieser Tag war der 24. Oktober 1877, der „Geburtstag des Fernsprechers in Deutschland“ wie er von Stephan selbst genannt wurde.

So trug Sir Henry Fischer entscheidend zum telekommunikativen Fortschritt Europas bei. Seine Verdienste um die Verbreitung des Telefons, angenehme Persönlichkeit und fachliche Kompetenz führten dazu, dass nicht nur seine Berufskollegen Fischer zu schätzen wussten. 

Ehrung des Mannes aus Hann. Münden durch Kaiser Wilhelm

Neben dem österreichischen Kaiser Josef I. wollte auch das deutsche Staatsoberhaupt, Wilhelm II., ihm Anerkennung in Form von Orden zuteil werden lassen. Auch Königin Victoria ließ sich diesbezüglich nicht lumpen. 

Von ihr erhielt Henry Fischer nicht nur die Orden St. Michael und St. George, sondern auch die Diamond Jubilee Medal. Außerdem wurde aus dem gebürtigen Mündener Karl Heinrich „Henry“ Fischer ein Sir, durch die Erhebung in den persönlichen Adelsstand.

Obwohl er eine beispiellose Karriere und zahlreiche herausragende Verdienste erreichte, vergaß er seine niedersächsische Heimat nie und besuchte sie gelegentlich.

Hier war und blieb er, wie eh und je, Karl Heinrich. Sein Bruder Carl Friedrich sollte schließlich die in Münden noch immer bekannte Kautabakfabrik Fischer & Herwig gründen.

Karl Fischer aus Hann. Münden: Sein bewegtes Leben

Nach der Schule begann Karl Heinrich Fischer zunächst eine kaufmännische Lehre in einer Tabakfabrik. 1852 fing er bei der Königlich-Hannoverschen Eisenbahndirektion an und gelangte innerhalb von zwei Jahren zum Telegraphendienst. 

Da Hannover und England ohnehin auf eine ganz besondere, ererbte Art und Weise verbunden waren, verwundert es auch nicht, dass zwischen der Hannoverschen Regierung und der englischen Electric and International Telegraph Company eine Tauschvereinbarung bestand, die die gegenseitige Bereitstellung und den Austausch von Personal zusicherte. 

Aufgrund dieses Abkommens gelang Karl Heinrich Fischer weitere zwei Jahre später, 1856, in die englische Hauptstadt London. 

Offenbar ebenso engagiert und interessiert wie kompetent erhielt er bald die Leitung der Auslandsabteilung jener Londoner Telegraphengesellschaft. In dieser Funktion war er beispielsweise für die Herstellung der Verbindung zwischen Berlin und Schloss Windsor zuständig, als die damalige Königin Großbritanniens, Queen Victoria, ihren ersten Enkel erwartete, der den Namen Wilhelm trug und von 1888 bis 1918 deutscher Kaiser sein sollte. 

1860 wurde Fischer, der in England von Karl Heinrich zu „Henry“ wurde, auch die Inlandsabteilung übertragen. Aufgrund der Verstaatlichung des britischen Telegraphensystems 1870 und seiner außerordentlichen Dienste sollte Fischer auch diese wichtige Aufgabe übertragen werden. 

Nach der Zusammenführung der insgesamt vier Londoner Telegraphengesellschaften wurde er 1870 zum Vorsteher des weltweit größten Telegraphenamtes. 

In den Jahren von 1872 bis 1896 vertrat er England außerdem regelmäßig bei Auslandskonferenzen zur Anpassung der internationalen Verträge und Abkommen zur Regelung des Telegraphenverkehrs. Hier soll er immer sehr beliebt und angesehen gewesen sein. 

Bei der Konferenz 1896 in Budapest soll er hinsichtlich seiner wohl ein wenig eingerosteten Französischkenntnisse etwas betrübt gewesen sein. Entschuldigend soll er gesagt haben: J’ai oubliè mon dictionnaire de poche, mais je n’ai pas oubliè mon cœur („Ich habe mein Taschenwörterbuch vergessen, aber nicht mein Herz“)“.

Von Sarah Schnieder

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