Damals in Münden

Türmer hatte Hann. Münden jede Nacht im Blick

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Emil Otto Hoppe schoss das Foto mit der Bildunterschrift „Turmwächters Tochterlein“.

Die Türmerwohnung in Hann. Münden steckt voller Geheimnisse. Wir haben uns auf eine Spurensuche begeben. 

Sie  wurde 1595 errichtet. Heinrich und Dora Schmidt zogen mit ihren zwei Kindern als letzte Türmerfamilie am 30. September 1923 aus. Das Einkommen eines Türmers reichte zu der Zeit nicht mehr aus.

Heinrich Schmidt hatte seit 1905 als Türmer gearbeitet. Der gelernte Weißbinder (Maler) hatte jede Nacht die Stadt im Blick. Vermutete er ein Feuer in der Stadt, musste er mit einem Signalhorn dreimal in die Richtung des vermeintlichen Brandes blasen und eine brennende Laterne schwenken. Stellte sich der Verdacht als wahr heraus, läutete der Türmer die über eine Tonne schwere Feuerglocke. Der Türmer ließ auch die Betglocke erklingen – und zwar dreimal pro Tag. 

Er kümmerte sich um das Sondergeläut zu kirchlichen und weltlichen Anlässen. Der Jahresverdienst zwischen 1892 und 1921 lag bei 400 Mark. Dazu kamen 20 Raummeter Brennholz und Mietfreiheit. Jeder Kirchturm-Besucher sah sich in der Pflicht, Holz und Wasser aus den städtischen Brunnen mit auf den Turm zu tragen. Der Türmer Carl Thies bat 1900 darum, den Turm an das Wasserleitungsnetz anzuschließen. 

Die Stadt wies die Bitte zunächst ab und lenkte fünf Jahre später ein. Auch eine Abwasserleitung wurde gelegt. Zuvor musste das Schmutzwasser nachts auf das Satteldach gegossen werden.

Der Erste Weltkrieg verschärfte die Lage der Türmerfamilie. Schmidt bekam den Befehl, Siegesläute erklingen zu lassen. Der Sieg über die russische Armee bei Tannenberg und die Einnahme von Antwerpen sollten mit Vollgeläut unüberhörbar verkündet werden. Dann ereilte Heinrich Schmidt der Gestellungsbefehl. Er zog am 19. Juli 1915 in den Krieg. 

Am 26. September 1919 wurde er aus der englischen Gefangenschaft entlassen. Über vier Jahre arbeitete Dora Schmidt als Turmwächterin. Ihre 18-jährige Tochter Lilli Schmidt unterstütze sie bei den Nachtschichten. Als am 16. August 1918 ein Großfeuer die Altstadt bedrohte und die Trocknungsanlage der Münderschen Mühle zerstörte, erlebten sie die haushohen Flammen hautnah mit.

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