Damals in Münden

Turnvereine waren in Münden mehr als ein Zeitvertreib

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Drei junge Turnerinnen der Freien Turnerschaft Münden beim Bewegungsspiel. Reigen und Tanzen wurden der „weiblichen Natur als besonders entsprechend“ angesehen. 

1919 explodierten die Mitgliedschaften in Vereinen für Leibesübungen, Turnvereinen und Fußballclubs um Hann. Münden geradezu.

Kriegsende und Revolution boten am 23. November 1918 die Möglichkeit, den von der Arbeiterbewegung seit langem geforderten Acht-Stunden-Tag einzuführen, um die gerade in den Kriegsjahren ins Grenzenlose ausufernde Arbeitsleistung von über 60 Stunden pro Woche auf ein verträgliches Standardmaß zurückzufahren. 

An fünf Wochentagen galt es nunmehr, acht Stunden und am Sonnabend dann noch einmal fünf Stunden zu arbeiten. So erreichte die Eingrenzung der Arbeit einen ersten Anflug von Freizeit.

Zahlreiche Neugründungen von Vereinen, selbst in kleinsten Dörfern, gab es um die Jahrhundertwende. In dem 300-Seelen-Dorf Gimte gründete sich im Sommer 1919 der Arbeiter-Turn-Verein „Weser“, heute Tuspo Weser Gimte.

Bereits ein Jahr nach der Vereinsgründung hatte der Verein über 100 Mitglieder. Der Verein wurde Mitglied im Arbeiter-Turn- und Sportbund, in Abgrenzung zum Deutschen Turnerbund. 1923 konnte der Verein eine Fußballmannschaft aufstellen, 1926 eine Damenturnerriege.

Der Sport war in Deutschland ein Spiegelbild zweier, seit der Kaiserzeit bestehender Parallelwelten. Bürgerliche Sportvereine auf der einen Seite und Arbeitersportvereine auf der anderen. Selbst in den Gesangsvereinen galt das Prinzip der sozialen Herkunft. Nun schnellte die Zahl der Arbeitersportler auf über eine Million hoch und übertraf die Mitgliederzahlen der bürgerlichen Sportbewegung bei Weitem.

Es entwickelte sich eine regelrechte Festkultur des Arbeitersports, mit Kreissportfesten, Stiftungsfesten und Bühnenturnen. In ihr fand vor allem der Freiheitsgeist der Jugend ihren Ausdruck. Freiheit fühlte man auch im Mündener Arbeiterradfahrerbund „Solidarität“, wo man Landschaften bei Ausfahrten erkundete. Die Naturfreundebewegung suchte eine Freizeit in und mit der Natur.

Unter dem Motto „Frei Heil!“ traf und grüßte man sich. Die Nationalsozialisten sollten diese Grußformel später mit ihrem „Sieg Heil“ gezielt für ihre Zwecke umdeuten. Frauen und Mädchen eroberten sich nach und nach ihren Platz im Sport. Machten sie vor dem Ersten Weltkrieg keine zehn Prozent der Mitglieder im Arbeiter-Turnerbund aus, so trauten sich später immer mehr Mädchen in die Sportvereine.

Tanzen und Ballett wurden für die Frauen als naturgegeben angesehen, in gewisser Weise auch Turnen und Leichtathletik. Allerdings wurde auch vor Einschränkungen der Gebärfähigkeit und „Vermännlichung“ der Frauen gewarnt. Immerhin stieg ihr Anteil in den Sportvereinen auf 20 Prozent. Der Mythos um die weibliche Schwäche schloss sie aber weitestgehend von den Mannschaftssportarten, allem voran Fußball, aus. Dieser entwickelte sich in den 1920er Jahren zur Leitsportart. Auf dem unteren Tanzwerder spielten die Mündener Vereine, später auch auf dem oberen Tanzwerder, bis 1930 das Sportgelände am Rattwerder entstand. Auf den Dörfern schüttelten Bauern die Köpfe, dass auf einer verpachteten Wiese auf einmal 22 Mann hinter einem Ball herliefen. Die lokalen Zeitungen beschleunigten mit ihren Spielberichten das Interesse am Fußball.

Vorboten einer Fankultur entwickelten sich aber erst Anfang der 1930er Jahre, als die Spiele per Rundfunk in Gaststätten übertragen wurden und man gespannt den Worten des Reporters lauschte.

Mehr zum Thema Arbeitersport findet man auch in der Ausstellung „Revolution zwischen Weser und Leine“, die noch bis zum 9. September im Städtischen Museum Hann. Münden im Welfenschloss zu sehen ist (Schlossplatz 5). Öffnungszeiten: mittwochs bis sonntags von 11 bis 16 Uhr, hann.muenden.de/museum

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