Studie aus Göttingen 

Unfälle trotz Wildwarnern: Tiere gewöhnen sich an Reflektoren

Tod nach Unfall: Immer wieder wird Wild auf der Straße von Autos erfasst.  
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Tod nach Unfall: Immer wieder wird Wild auf der Straße von Autos erfasst.  

Wildwarner sollen Tiere von der Straße fernhalten und so Wildunfälle verhindern. Doch sie funktionieren gar nicht, befand eine Studie aus Göttingen.

Kreisjägermeister Axel Eichendorff kennt die Studie zwar nicht im Detail, vermutet aber, dass sie schon im wissenschaftlichen Ansatz verkehrt sei. Denn es komme nicht nur darauf an, ob, sondern wie die Reflektoren angebracht seien. Er verweist auf einen Streckenabschnitt im Eichsfeld, bei denen sie so installiert seien, dass sie gerade einmal 1,50 Meter bis zur nächsten Grabenkante abdeckten und daher vom Wild vermutlich gar nicht richtig wahrgenommen würden. Grundsätzlich geht er davon aus, dass es so wie mit vielen anderen Methoden zur Wildvertreibung ist: „Die Tiere gewöhnen sich daran.“ 

Täglich knallt es in Deutschland 750 Mal zwischen Fahrzeug und Wildtier – auch bei uns im Altkreis Münden, wie Dieter Buhse, Vorsitzender der Jägerschaft Münden, weiß: „In unserer Region sind besonders die Strecken zwischen Hann. Münden und Bursfelde, die Haarthstraße bei Laubach, die B 496 zwischen Hann. Münden und Lutterberg, zwischen Lutterberg und Landwehrhagen, das Schedetal sowie die Straße zwischen Lutterberg und Sichelnstein betroffen.“ 2017 krachte es fast 850 Mal zwischen Fahrzeug und Wild im Bereich der Polizeiinspektion Göttingen - im Schnitt entstand dabei 2500 Euro Schaden. 

Experten schätzen, dass die Dunkelziffer der Unfälle höher liegt, denn Wildunfälle unter Alkoholeinfluss würden vermutlich nicht ordnungsgemäß gemeldet. Ein Indiz für die Unwirksamkeit der Reflektoren kann auch die steigende Zahl der Wildunfälle sein, trotz vermehrt installierter Reflektoren: Die Unfallforschung der Versicherer hat 2017 mit 275.000 Unfällen 11.000 mehr als 2016 registriert, dabei wurden fast 3000 Menschen verletzt, zehn davon tödlich. Der Schaden beläuft sich deutschlandweit auf fast eine dreiviertel Milliarde Euro.

Eine Studie der Uni Göttingen löste im Herbst Diskussionen bei Jägern aus und bei Autoversicherern Unruhe: Demnach sind die in den vergangenen Jahren vermehrt installierten blauen Wildwarnreflektoren, die an Straßenleitpfähle geschraubt werden, weitgehend unwirksam.

Die Uni untersuchte 150 Teststrecken in den Landkreisen Göttingen sowie bei Höxter, Kassel und im Lahn-Dill-Kreis. Die Ausgaben für die Wildwarnreflektoren könne man sich sparen, kommentierte damals Siegfried Brockmann als Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), in dessen Auftrag die Studie entstanden war. Das von Autoscheinwerfern reflektierte Licht könne offensichtlich die Wildtiere nicht von der Straße abhalten.

Der ADAC verweist auf unterschiedliche Erfahrungen mit den blauen Wildwarnreflektoren – einige davon seien durchaus positiv – und empfiehlt sogenannte Duftzäune, bei denen für das Wild an einem Straßenverlauf angebrachte unangenehm riechende Stoffe wie ein unsichtbarer Zaun wirken. Die sind aber teuer und der Duft muss regelmäßig erneuert werden. Hoffnung hat der ADAC, dass ein derzeit in Sachsen-Anhalt erprobtes System sich als wirksam erweist: Durch Fahrgeräusche und Scheinwerferlicht werden sowohl optische als auch akustische Warnsignale aktiviert, das System funktioniere auch tagsüber. Perspektivisch setzen die Experten auf spezielle Warnsensoren in den Autos, die den Fahrer alarmieren, wenn Wild am Straßenrand steht.

Das System weitergedacht würde dann so funktionieren, dass spezielle Nachtsichtkameras sogar dafür sorgen, dass die Autos automatisch abgebremst würden. Das sei aber noch Zukunftsmusik.

Kreisjägermeister Axel Eichendorff beschreibt, wie Tiere sich an abschreckende Maßnahmen gewöhnten: Werde eine neue Methode punktuell getestet, sei sie erfolgreich, weil es für das Wild neu und unbekannt sei, das Wild wechselt dann beispielsweise an anderer Stelle die Straße. Wenn diese Methode dann großflächig eingesetzt würde, verpuffe der Erfolg. „Das Wild merkt, dass davon keine Gefahr ausgeht. Und irgendwo müssen sie dann ja über sie Straße rüber.“

Während eine Kollision zwischen kleinen Tieren wie Fuchs, Waschbär oder Hase meist zwar tödlich fürs Tier, aber glimpflich für den Fahrer endet, können Unfälle mit größeren Tieren wie Reh, Wildschwein oder Hirsch auch dramatisch für die Fahrzeuginsassen enden.

Generell gilt die Lebensgefahr aber auch bei kleinen Tieren: Wenn der Autofahrer reflexartig versucht, einem plötzlich auf der Fahrbahn auftauchenden Tier auszuweichen und dabei von der Fahrbahn abkommt. 

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